Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (5): Darf man vergleichen?

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Im Zusammenhang der Diskussion eines nationalen Gedenkstättenkonzepts zur deutschen Diktaturgeschichte finde ich in einem Text von Peter März (Bayer. Landeszentrale f. pol. Bildung?) einen bedenkenswerten Absatz zum Vergleich der beiden Diktaturen:

Bei gutem, d. h. in diesem sensiblen Bereich nicht denunziatorischen Willen, sollte es möglich sein, die Vergleichsdiskussion im Blick auf die totalitären Diktaturen in Deutschland wie Europa so zu führen, dass sich keine Seite veranlasst sehen muss, einen Bagatellisierungs- bzw. Relativierungsvorwurf zu erheben. Bemerkenswert ist in diesem Sinne eine Feststellung des Holocaust-Forschers Ulrich Herbert, der geschichtspolitisch schwerlich dem Unionslager zuzurechnen sein dürfte: „In der Debatte wurde auch sichtbar, dass bei einem nicht unerheblichen Teil der Diskussionsteilnehmer aus dem liberalen und linken Lager mit dem pathetischen Vergleichsverbot andere Blindstellen überdeckt wurden. Denn die Furcht vor dem ‚Aufrechnen‘ führte vielfach dazu, die Verbrechen in der stalinistischen Sowjetunion nicht wahrzunehmen, zu verkleinern oder zu funktionalisieren. (…). Die Einordnung von Vertreibung und Ermordung der Juden in den Kontext der ethnischen Säuberung und des radikalen Nationalismus im 20. Jahrhundert insgesamt und in den Kontext der Entgrenzung politischer Macht in den totalitären Vernichtungsdiktaturen hat den Judenmord weder verkleinert noch kommensurabel gemacht, sondern seine spezifische Gestalt und Bedeutung erst profiliert.“ (Ulrich Herbert, Der Historikerstreit, p. 104)

Quelle (dort Seite 8f.)

Die Ermordung von etwa zehn Millionen Menschen durch Nationalsozialisten, vor allem die sog. industrielle Tötung durch Gas in den Todeslagern, ist ungeheuerlich. Im Jahr 1937 hat Stalin ca. 800.000 Menschen erschießen lassen. Die Hinrichter trugen Gummistiefel und Metzgerschürzen, die „Jahresleistung“ einzelner Schützen war fünfstellig. Sie erhielten kostenlos alle paar Stunden eine Massage der Schusshand. Muss man jetzt darüber diskutieren, was industriell war und was nicht, was weniger schlimm und was singulär? Soll man die stalinistischen Verbrechen verschweigen, weil die Hitlerschen einzigartig sind?

Update Dezember 2014: Das Vergleichen der beiden totalitären Ideologien hat durch den Krieg in der Ukraine eine ungeahnte Aktualität bekommen. Ich schließe nicht aus, dass das schlimme Langzeitwirkungen haben wird.

Putins politsches und militärisches Vorgehen genießt in Deutschland große Popularität. Das zeigt zuletzt der peinliche, bösartige Aufruf „Nicht in unserem Namen“, der dem Westen Kriegstreiberei vorwirft und die Ukraine gar nicht kennt. Unterschrieben hat ihn neben den üblichen Russlandversteher/-innen auch der von mir bisher sehr geschätzte Mario Adorf, von dem ich gar nicht wusste, dass er zu den Kennern der osteuropäischen Geschichte und Gegenwart gehört.

Schauen wir uns einmal Putins Handeln und seine Begründung an:

Schutz aller Russen (und sogar Russischsprachigen) in allen ehemaligen Sowjetrepubliken, Anspruch auf Einflusszonen jenseits der Grenzen, das Recht auf militärische Intervention. Einmarsch auf die Krim und Abtrennung der Halbinsel, Entfesselung eines Krieges auf ukrainischem Territorium, Abtrennung von georgischen und moldawischen Gebieten, Manöver an den Grenzen der baltischen Staaten, digitale Störmanöver und Scheinangriffe der Luftwaffe gegen Estland.

Und jetzt Hitler in den 30er Jahren:

„Heimholung“ des französisch besetzten Rheinlandes, „Anschluss“ des anschlusswilligen Rest-Österreichs, „Heim ins Reich“ mit den Volksdeutschen im Sudetenland. Erst als er die Forderung „Danzig ist deutsch“ einlösen wollte und, nach zwanzig Jahren vergeblicher Verhandlungen Berlins mit Warschau, seine Soldaten in Marsch setzte – mit Hoheitsabzeichen und nicht als Männer in Tarnanzügen, als angeblich deutsche Freiheitskämpfer aus Danzig und Posen – spielte England nicht mehr mit. (Es war für Churchill tragisch, dass Englands Eingreifen zu Gunsten Polens damit endete, dass er in Potsdam ganz Polen Stalin überlassen musste.)
Dass das Kaiserreich im Ersten Weltkrieg auf die Idee kam, von den Einflusszonen Lothringen und Belgien zu sprechen, veranlasste gar einen Historiker von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu sprechen.

Das soll man nicht vergleichen dürfen?

Putin war geschickter und hemmungsloser. Er brauchte kein Münchner Abkommen und verhandelte nicht zwanzig Jahre mit Kiew über die Abtrennung oder Föderalisierung von Krim, Ost- und Südostukraine.

Mein Großvater pflegte zu sagen: „Wenn Hitler Anfang 1939 gestorben wäre, würde man ihn als großen Staatsmann feiern.“ Ich war über diesen Satz immer empört gewesen.

Zum Vergleich… (1 – 7)

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