Setzen! Sechs! Wie die Medienkiste in Brandenburg durchfiel

Ausstellung der Medien in einer Schulbibliothek

Die Geschichte der Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ ist geschrieben. Dieser Blog mit Material zu einer Webquest als Schwerpunkt ist aus der Arbeit an ihr hervorgegangen. Es wurde auch schon Bilanz gezogen. Die Medienliste wurde sechstausend Mal (Nachtrag: Stand Nov. 2013 8.000 mal) aufgerufen. Zehn Kisten stehen zur Ausleihe für hessische Schulen zur Verfügung. Kisten wurden u. a. im Rahmen von Projektwochen verwendet. Drei Kisten wurden ausgelobt, 30 Schulen bewarben sich um sie.

Günther Brée steuerte eine Literaturliste für die untere Mittelstufe bei und eine Mindmap als Gerüst für die Verwendung der Kiste im Projektunterricht

Ich könnte also zufrieden sein. Dann kam ich auf die unglückliche Idee, dass die Kiste in meiner neuen Heimat Potsdam nützlich sein könnte. Natürlich war mir klar, dass ein Westdeutscher nicht mit offenen Armen empfangen wird. Schließlich wurde mir als jungem Menschen schon von einem Wehrmachtsoffizier gesagt, ich könne nicht mitreden, wenn es um die Schlacht von Stalingrad ginge, ich wäre nicht dabei gewesen. Auch meine Vorerfahrungen hätten mich warnen sollen: Bei der Vermittlung von Gratisabonnements der Fachzeitschrift „Horch und Guck“ lag die Nachfrage aus Hessen weit über der aus Berlin/Brandenburg, dasselbe geschah bei Medienpaketen, die ich von der Stiftung Aufarbeitung bekam und hessischen und Berlin-Brandenburger Schulen anbot. Es war wie in den bekannten Untersuchungen: Geringes Interesse im Osten, größere Aufgeschlossenheit im Westen.

Zwei Potsdamer Schulen hatte ich – ohne Reaktion – auf die Möglichkeit der Ausleihe der Kiste hingewiesen. Einer Museumspädagogin wollte ich zwei Kisten geben, eine für ihre Arbeit mit Schulklassen, eine die sie als Anerkennung in einem Projekt hätte vergeben können. Sie lehnte ab. Ihre Arbeitssituation, räumliche Beengung, wenig offizielle Unterstützung, knappes Zeitbudget, erlaubten ihr keine weitere Aufgabe. (Vielleicht zu meinem Glück, denn ich hätte die beiden Kisten privat finanzieren müssen, ca. 700 €. Außerdem hatte ich angeboten, selbst aktiv bei einem Projekt mitzuarbeiten.)

Medienkisten „Ampelmännchen und Todesschüsse“

Zu guter Letzt dachte ich, das neue Brandenburger Büro für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur würde sich über eine Information freuen. Schließlich gehört zu seinen Aufgaben auch die Arbeit in Schulen. Nach zwei unbeantworteten Mails innerhalb eines Jahres, schrieb ich, ich würde ein Exemplar der Liste und der Handreichung in ihren Briefkasten werfen. Vielleicht könnten sie die Informationen an geeignete Adressen weitergeben.

Was habe ich falsch gemacht?

Erweckte ich den Eindruck einer Spam-Mail oder eines Verkaufsangebots? Ich selbst kriege ja ständig Mails und Materialien von Menschen, die mit Seminaren oder durch den Verkauf von Broschüren und Büchern Geld verdienen wollen . Wenn also jemand in einer Mail etwas anbietet, scheint klar zu sein, der hat kommerzielle Absichten. Da ist man vorsichtig, lehnt ab oder löscht die Mail sofort. Mit dem Verweis auf Schulen und Schulbibliotheken in Hessen hatte ich mich auch noch als Wessi geoutet. Das konnte nur schiefgehen.

Immerhin bekam ich dann, als ich nach einiger Zeit darum bat, meine Broschüre wieder abholen zu dürfen, eine Mail mit einem Kommentar. Darin wurde mir empfohlen, ich könnte mich an das LISUM wenden, das Berlin-Brandenburger Lehrfortbildunginstitut. Man kann im Blog nachlesen, warum ich das für keine gute Idee halte.

Außerdem gäbe es schon eine Fülle von Materialien. Das Problem sei nicht der Mangel an informativem Material, sondern eher an Möglichkeiten zur einfachen Handhabbarkeit im Unterricht oder überhaupt der Kenntnis des vorhandenen Materials. Da kam mir der Verdacht, dass die Referentin für schulische Bildungsarbeit bei der brandenburgischen Diktaturbeauftragten meine Handreichung gar nicht gelesen haben könnte. Mir ging es bei der Konzeption der Kiste doch gerade darum, dass  Schulbibliotheken jederzeit zugängliche, kurzfristig und umstandslos einsetzbare Medien und Bücher, nicht zuletzt Jugendbücher, bekommen hätten.

Bevorzugte Methode wäre die – überschaubare – Fallanalyse gewesen. (Man klicke z. B. im Kopf des Weblogs „Themen des Weblogs“ an und klappe dann das fünfte Unterkapitel auf. Oder man lese in der Handreichung über Fallanalyse nach.) Man müsste nicht unbekannte Bücher- oder Medienkisten bei schulfernen Institutionen vorbestellen. Es ging es mir gerade nicht um komplette DDR-Darstellungen auf Proseminarniveau mit 76 Arbeitsblättern, für die ein Schuljahr nicht reichen würde.

Gelesen hatte sie sie anscheinend doch, wenigstens bis Seite 4. Denn dort hatte ich einen gravierenden Fehler gemacht: IM heißt „inoffizieller Mitarbeiter“ und nicht „informeller“. Das kann ja nichts werden, wenn man schon daran scheitert. Außerdem gäbe es weitere Fehler, argumentative Verkürzungen und viele Wertungen. Am besten, ich würde die Handreichung überarbeiten. Sie passe nicht zu den Anforderungen des heute für den Geschichtsunterricht üblichen Kompetenzmodells, nach dem die Schüler lernen sollen, ein eigenes Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Bei der Lektüre dieses Satzes konnte ich dann wieder schmunzeln: Mit dem Kompetenzmodell eigenes Geschichtsbewusstsein entwickeln! Das ist schon für einen bildungstheoretisch begründeten oder lernzielorientierten Unterricht enorm schwierig. Dem Satz ist auch zu entnehmen, dass Entwicklung von Geschichtsbewusstsein etwas Neues für den Geschichtsunterricht wäre.

Eine leichte Verärgerung kann ich nicht leugnen. Sie tritt immer dann ein, wenn jemand glaubt, mir mit ein paar gelehrten Vokabeln seine Überlegenheit und meine Unkenntnis demonstrieren zu müssen.

Vertiefen wir nicht die Implikationen, die eine „Bewusstseinsänderung“ als Ziel schulischen Unterrichts mit sich bringt. Weder GULag noch Kibbuzerziehung noch Margot Honeckers Einheitsschule und Kinderkrippe haben erfolgreich diese Kompetenz vermittelt. Auch westdeutsche Politiklehrer waren froh, wenn sie wenigstens etwas Wissensvermehrung erreichen konnten, wenn schon nicht Demokraten erzogen.

Wahrscheinlich wurde die Handreichung so gelesen wurde, dass sie den Schülern fremdes Geschichtsbewusstsein aufoktroiere. Womit wir bei dem Brandenburger didaktischen Weg sind: Der Beutelsbacher Kompromiss sei auf die Behandlung der DDR anzuwenden. Letzterer wurde 1976, relativ vage, formuliert, um die parteipolitisch geprägten Politikdidaktikansätze der westdeutschen Bundesländer unter einen Hut zu bekommen. Dass er in Brandenburg auf den Unterricht über die DDR angewandt werden soll, ist ein Kunstgriff, der den herrschenden politischen Verhältnissen entgegenkommt: Nicht Diktatur und Demokratie, Verfassung und fehlende Grundrechte werden gegenübergestellt. Es soll den Schülern überlassen bleiben, was sie besser finden, die DDR oder die BRD, MfS oder Verfassungsschutz, Politbüro oder Koalitionsvertrag, hohe Mieten oder billige Mieten. Wertungen sind verpönt, sie überwältigen die Schüler.

Womit ich wieder bei den Fragen aus meiner Handreichung bin: Was soll eigentlich unterrichtet werden? Dass man auch in der DDR eine glückliche Kindheit haben konnte, dass die Marmelade besser schmeckte als im kapitalistischen Westen, dass die Mieten billiger waren und es mehr Kitas gab? Alles unhinterfragt als bare Münze schlucken: Den größeren Zusammenhalt unter den Menschen, den Antifaschismus, das überlegene Schulsystem, die bessere Krankenversorgung? Dass gemäß einem vergewaltigten Beutelsbacher Kompromiss die Schüler nicht überwältigt werden dürfen mit negativen Informationen über die DDR?

Das Sahnehäubchen kam aber noch:

Meine Kopie der annotierten Literaturliste mitsamt Handreichung sollte nicht in einem Regal in einer Potsdamer Amtsstube verstauben oder im Papierkorb landen. Ich hatte also geschrieben, dass ich sie gerne wieder abholen würde. Eine Sekretärin führte mich ins Vorzimmer der Bildungsreferentin. Dort durfte ich mich setzen. Sie selbst ging in das Zimmer zur Bildungsreferentin. Ich wartete einige Zeit. (Suchten sie meine Handreichung?) Dann kam die Sekretärin heraus und drückte sie mir in die Hand. Ich war entlassen.

3 Kommentare zu „Setzen! Sechs! Wie die Medienkiste in Brandenburg durchfiel

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