Buhmann Treuhandanstalt?

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Sanierung in Potsdam

Bisher mussten wir uns auf „Wirtschaftsexperten“ wie Günter Grass verlassen: „Erst die Treuhand hat die im Grunde gesunde Substanz der Wirtschaft zerstört“. Jetzt gibt es das m. W. erste populärwissenschaftliche Buch über die Treuhandanstalt:

Dirk Laabs, Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand, München: Pantheon (Random House), 3. Aufl. 2012

Der Journalist Laabs schreibt ein Buch im Stil von Spiegel-Reportagen, ein Patchwork aus Einzelgeschichten über Ereignisse und Personen. Manches war mir neu, die größeren Skandale (Leuna, Sparkasse Halle) gingen seinerzeit durch die Medien.

Die Idee der Treuhand wurde in einem kleinen Kreis ostdeutscher Dissidenten geboren. Das „Volksvermögen“ der DDR sollte jetzt wirklich dem Volk übergeben werden, das war der Kern des Konzepts. Wie das geschehen sollte, blieb unklar, auch nachdem die Volkskammer die Anstalt beschlossen hatte. Was war die DDR-Volkswirtschaft wert? Es stellte sich allmählich heraus, dass die meisten Betriebe marode waren und Milliarden an Investitionen benötigt hätten. Dann zeigte sich, dass die meisten Betriebe auch enorme Schulden hatten. Die SED hatte nämlich regelmäßig die Gewinne der Kombinate abgeschöpft, um ihre teure Sozialpolitik zu finanzieren. Die Betriebe mussten sich für Investition und Produktion Kredite von der Staatsbank leihen, eigene Mittel besaßen sie nicht. Also gab es kaum etwas zu verteilen, und wenn, wie sollte es gehen? Anteilscheine für jeden? Tausend Mark, viertausend Mark? Durfte man die Anteile verkaufen, z. B. an ausländische Firmen? Anteilscheine an den „Volkseigenen Betrieben“ hatte es zuvor in der DDR nicht gegeben.

Ein Vorschlag besagte, dass sich die DDR-Bewohner mit dem Geld wenigstens ihre Wohnung hätten kaufen können. Aber wo war das Geld? Wer hätte es auszahlen können? Wie wären die Firmen an Investoren und Kreditgeber gekommen? In der Vorstellung der Bürgerrechtler, die die Treuhandidee aufgriffen, sollte sie eine Holding werden (und bleiben!), die den gesamten Firmenbestand der DDR verwaltet und darauf geachtet hätte, dass ausländische Investoren immer nur Minderheitseigner geworden wären. Eine Idee, die typisch war für einige DDR-Bürgerechtler. Man wollte eine „wirklich freie“ Marktwirtschaft (Werner Schulz), gleichzeitig eine gigantische Staatsholding, eine Ausgeburt der Planwirtschaft.

Für die Bonner Regierung gab es andere Schwerpunkte. Die Währungsunion mit der Problematik des angemessenen Umtauschkurses drängte sich auf. Man wollte die unumgänglich erscheinende Vereinigung schnell über die Bühne bringen. (Anders als es die SED in ihrer Propaganda immer unterstellte, hatte man keineswegs jahrelang Konzepte erarbeitet, wie man den Osten übernähme. Das rächte sich jetzt.) Die massenhafte Abwanderung nach Westen drohte, dann zerbrachen die traditionellen Handelsbeziehungen der DDR zu den ehemaligen RGW-Ländern, die jetzt lieber bessere Produkte auf dem Weltmarkt kauften. Auch die DDR-Bewohner kauften jetzt Audi statt Trabant. Und vor allem kam für viele überraschend der hohe Sanierungsbedarf und Verschuldungsstand der DDR-Betriebe, ihre kaum weltmarktfähigen Produkte. 80% der DDR-Betriebe waren veraltet und nicht weltmarktfähig.

Die Bonner machen deutlich, dass sie zahlen, sanieren und investieren werden, aber zu ihren Bedingungen, nach Übernahme des westdeutschen Wirtschafts-, Rechts- und Sozialsystems. Ein bisschen Planwirtschaft, ein bisschen reformierte DDR gibt es mit ihnen nicht. Modrow und einige Bürgerrechtler wollen Geld vom Westen, aber keine Vorschriften.

Thilo Sarrazin, damals im Finanzministerium tätig und einer der Chefplaner der Währungsunion, errechnet einen Investitionsbedarf von 600 Mrd € für die Betriebe. Er erfährt zu seiner Überraschung, dass die Bewohner so gut wie keine Steuern zahlen und es daher keine nennenswerten Steuereinnahmen gibt. Das Experiment wird teuer werden, schwant ihm.

Die Bonner machten dann aus der DDR-Treuhand die Anstalt, die die ca. 15.000 Betriebe der DDR privatisieren soll. Die Institution stand ja schon, ihre Mitarbeiter kamen aus den 16 verschiedenen Wirtschaftsministerien der DDR und dem Management der Kombinate. Spitzenmanager aus dem Westen in altmodische Ostberliner Büroräume zu locken, wo es keine Flipcharts gab und keine geeignete Software, erwies sich als schwierig. Man schrieb in der ersten Zeit an die Wände und konferierte im Stehen. Erst mit hoch dotierten Gehältern bekam man sie. Man merkte allmählich, dass das Vorhaben eine hochkomplexe Angelegenheit war: Investoren zu finden, die Vertrauenswürdigkeit der Investoren einzuschätzen, verseuchtes Betriebsgelände zu sanieren, die Altschulden der Betriebe abzubauen, den Investoren Zulagen oder Kredite zu versprechen. Man konnte dabei viele Fehler machen, es war absolutes Neuland. Daher kam die Haftungsfreistellung der Manager.

Beides, die Haftungsfreistellung und die hohen Gehälter gehören zu den Vorwürfen, die man der Treuhand hinterher macht. Überhaupt ist die Treuhand der Sündenbock für die Probleme der Vereinigung geworden, gar nicht zu reden von den Vorwürfen, erst sie hätte eine angeblich blühende DDR-Industrie zerstört, wie es Wirtschaftsexperte Grass behauptet. Der Mythos von der schlimmen Treuhand ist in der Welt.

Sie hat Probleme, die gewaltige Aufgabe zu steuern. Auch in den eigenen Reihen gibt es Glücksritter und Geschäftemacher. Bei westdeutschen Bewerbern wird nicht geprüft, ob sie vorbestraft sind oder warum sie von Firmen entlassen worden waren. Die Dezentralisierung der Anstalt in 15 weitgehend selbstständige Außenstellen begünstigt das. In manchen Außenstellen werden die Verkäufe kaum dokumentiert, manche Manager kassieren Bestechungsgelder. In der Anfangszeit sitzen sich ostdeutsche Geschäftsführer und ehemalige SED-Ministeriale gegenüber und verhandeln als Käufer und Verkäufer. Später muss dann immer ein westdeutscher Manager dabeisein. Es gibt in den ersten Jahren eine SED-Seilschaft in der Anstalt, die den ostdeutschen Angestellten gegenüber deutlich macht, dass sie da ist, alles weiß und jeden beobachtet.

Rohwedder, der längstens ein Jahr bleiben wollte, merkt, dass die Privatisierung ein Verlustgeschäft wird, die Investoren stehen keineswegs Schlange. „Wer kauft heutzutage ein Stahlwerk oder eine Schwermaschinenfabrik?“, klagt er. In Bonn verlangt man, er solle die SED-Seilschaften in den Griff kriegen.

Das anfänglich große Interesse ausländischer Investoren geht schnell zurück. Die Infrastruktur der maroden DDR ist in ihren Augen keinen Deut besser als im übrigen Ostblock. Als Sprungbrett für Osteuropa verliert Ostdeutschland an Attraktivität. Dazu trägt auch die Währungsunion mit ihrem höheren Lohn- und Preisniveau bei, nicht zuletzt die gewaltige Bürokratie der Treuhand, aber auch die ausländerfeindlichen Exzesse der frühen 90er Jahre (Marcus Böick, „Not as Grimm as it looks“? Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt und den deutschen Wirtschaftsumbau nach 1990, in: Deutschland Archiv, 8.7.2015, Link: www.bpb.de/209190; Was Prof. Böick in seinem Aufsatz als Neuvermessung der Treuhandfrage nach 20 Jahren Forschungsstagnation ankündigt, führt nicht dazu, dass man die Geschichte der Treuhand neu schreiben müsste. Es ist eine Darstellung der Berichterstattung amerikanischer und britischer Medien der frühen 90er.)  Richtig ist, dass die Geschichte der Treuhand, jenseits linker Narrative, noch geschrieben werden muss.

Den Mörder des Treuhandchefs Rohwedder vermutete man intern in einer MfS-Seilschaft, die unzufrieden mit Geschäftsverhandlungen mit der Treuhand ist. Täter war ein Mitglied der RAF-Terroristen. Immerhin sind die in der DDR militärisch ausgebildet worden und hatten sie als Rückzugsgebiet nutzen dürfen.

Das Buch von Laabs ist wichtig. Seine Sympathie gehört zwar den Bürgerrechtlern, die eine sozialere, gerechtere DDR haben und das „Volksvermögen“ an die Bewohner verteilen wollten. Aber er ist so fair in seinen Darstellungen, dass man nachvollziehen kann, dass das eher gut gemeint als gut zu machen gewesen war.

Der Versuch, 15.000 Betriebe in kürzester Zeit zu privatisieren, brachte eine Fülle von Skandalen, Gaunereien, Bereicherungen mit sich. Prämienzahlungen an Mitarbeiter, wenn sie möglichst schnell verkaufen, tun ein Übriges. Laabs vergleicht: Die umstrittene eiserne Lady Thatcher hat in ihrer Regierungszeit ganze 25 Betriebe privatisiert, die Bundesregierung, so rechnet er vor, nur einen.

Die Treuhandführung merkt bald, dass sie nicht nur für die Journalisten der ehemaligen SED-Monopolpresse in Ostdeutschland ein gefundenes Fressen ist. Auch die Bonner Regierung kann sich hinter der Treuhand verstecken und versagt ihr oft genug Unterstützung.

  • Mit Rückendeckung aus Bonn konnte die Allianz-Versicherung das staatliche Versicherungswesen übernehmen
  • Siemens übernahm die Telekommunikation
  • SED-Banker Edgar Most fädelte sehr schnell den Kauf  „seiner“ Staatsbank (Er war Vizepräsident) durch die Deutsche Bank ein. Am ersten Tag nach Inkrafttreten des entsprechenden Gesetzes wurde die Staatsbank eine Aktiengesellschaft („Deutsche Kreditbank“, DKB) und Most ihr Direktor. Er schreibt heute Bücher, in denen er sich über den Ausverkauf des Ostens an den Westen beklagt und die Treuihand als „Schweinerei“ beschimpft
  • Most ist nicht der einzige ostdeutsche Manager, der „seinen“ Betrieb direkt an westdeutsche Investoren verkaufte. Die Treuhand kann in letzter Minute den Verkauf der Interhotels durch DDR-Wirtschaftsfunktionäre an die Steigenberger-Hotel-Gesellschaft rückgängig machen
  • Der französische Konzern „Elf“, heute „Total“, ließ sich in Leuna eine dreifach überteuerte Raffinerie bauen. Mehrere Elf-Manager wurden in Frankreich wegen anderer krimineller Geschäfte ins Gefängnis gesteckt
  • Die Regierung Modrow und PDS-Vorsitzender Dr. Gysi zusammen mit Dr. Bartsch verschoben SED-Milliarden. Die PDS ertauschte sich wertvolle innerstädtische Grundstücke
  • Westdeutsche Firmen sprechen Räte der Kreise und Städte direkt an und holen sich Baugenehmigungen oder Zusagen über Grundstücke und Gebäude
  • Die ausländischen Tarnfirmen der Kommerziellen Koordinierung (KoKo) des MfS versuchten, ihre Gewinne zu verstecken und DDR-Vermögen verschwinden zu lassen. Waltraud Lisowski, eine ehemalige KoKo-Mitarbeiterin, wickelt im Auftrag der Treuhand die MfS- und SED-Firmen im Ausland ab. Die Treuhand, wie später die BStU, glaubt, nicht auf die Erfahrung der alten Kader verzichten zu können. Schalck-Golodkowski selbst warnte Bonn und den BND vor den Umtrieben der Frau Lisowski. Aber sie durfte die MfS-Betriebe in Ruhe abwickeln
  • Thyssen soll bei der Abwicklung des Ostberliner Metallurgiehandels 200 Mio DM Schaden verursacht haben. Eine bundesweite Razzia in den Wohnungen von Thyssen-Managern fand statt. Ein Staatsanwalt stellte die Verfahren ein; es scheint politischer Druck ausgeübt worden zu sein

Laabs kritisiert die riesige Eigentumsübertragung von Ost- nach Westdeutschland. Das sei vor allem psychologisch, weniger betriebswirtschaftlich, ein Riesenproblem. Der Osten wäre enteignet worden. Andererseits stellt er sich aber die Frage, wer im Osten das Kapital gehabt hätte, das im Westen dagegen in Mengen vorhanden war.

Er vergisst, dass ein erheblicher Teil des „Volkseigentums“ durch Enteignung und Vertreibung Hunderttausender Unternehmer und ihrer Familien entstanden war.

Wenn, wie es Edgar Most gerne tut, beklagt wird, dass die Konzern- und Firmensitze im Westen seien und der Osten nur eine verlängerte Werkbank wäre, staunt man über das kurze Gedächtnis dieses Wendehalses. Warum sollten Unternehmen wie Zeiss, Jenaer Glas, Agfa, Audi, die süddeutsche Textilindustrie und tausende mittelständischer Betriebe, die im Westen neu beginnen mussten, jetzt wieder in den Osten zurückkehren? Zumal auch das „Billiglohnland“, das die DDR vergleichsweise gewesen war, nicht mehr lockte. Während andere Ostblockländer über zwei Jahrzehnte brauchten, um sich dem westlichen Lohnniveau zu nähern und in dieser Zeit attraktiv für Produktionsverlagerungen waren, war es in Ostdeutschland sozialpolitisch undenkbar, auf dem unrealistischen Wechselkurs 1:4 zu bestehen, der aus den Arbeitnehmern Hartz-IV-Empfänger gemacht hätte. Zudem hatten die Gewerkschaften dafür gesorgt, dass das Lohnniveau in der DDR gleich zu Beginn um 20-30% angehoben wurde. Der durchaus verständliche Vorwurf, dass man Ostdeutschland bequem aus den westdeutschen Produktionsstätten und Lagerhallen mitversorgen konnte, entbehrt jedenfalls nicht seiner betriebswirtschaftlichen Berechtigung.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Nicht zuletzt unter ostdeutschen Journalisten. Vielleicht findet es auch einen Weg zu den Lehrern. Die Planwirtschaft ist bisher so gut wie kein Thema bei der sowieso stiefmütterlich behandelten schulischen Aufarbeitung von DDR und Wendezeit.

Update: Die Treuhand-Reportage eines westdeutschen Insiders
Nachtrag Januar 2016
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4 Kommentare zu „Buhmann Treuhandanstalt?

    […] man sich in Westdeutschland nicht vorgestellt. Die noch von der letzten DDR-Regierung geschaffene Treuhandanstalt sieht er als notwendig […]

    […] auf die hoch produktiven Ostbetriebe gestürzt hätten, wird beklagt, die verheerende Wirkung der Treuhand, die den Industriestaat DDR geschleift […]

    […] auch im Blog hier! (Und andere […]

    […] lösen von meinen Interessenschwerpunkten kann ich mich nicht: Dirk Laabs, die wahre Geschichte der Treuhand. Momentan habe ich kein starkes Interesse an Krimis. Das Buch von Laabs stellte sich aber als […]

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