Jeder schweigt von etwas anderem. Ines Geipel über die Nazimorde und die DDR

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In der Vortragsreihe „Dresdner Reden 2012“ hielt Ines Geipel eine nachlesenswerte Rede.  Im Rahmen ihrer neuesten Arbeit zu den Amokläufen in Schulen setzt sie sich auch mit den Morden der sog. „Zwickauer Zelle“ auseinander. Sie sieht Zusammenhänge zur unaufgearbeiteten DDR-Vergangenheit. Dass Uwe Mundlos aus einer SED-Kaderfamilie stammt, ist dabei nur ein äußeres Zeichen dafür.

Ein Auszug:  „Im Hinblick auf deutsche Realpolitik könnte nach und
nach  an  Kontur erhalten,  dass  das geduldete  Killerkommando aus Jena  in  nicht unerheblichem Maß auch das Ergebnis korrumpierender Politik und damit von Machtmissbrauch nach 1989  ist.  Es  ist  eine  Geschichte  von  Abspaltungssystemen,  Dekadenzen und Entgrenzungen, eine Symbol-Geschichte endlos verzahnter Grausamkeiten, die nach Operationen am blinden
Herzen rufen.
Was soll das heißen – Operation am blinden Herzen? Warum sich nicht in Zeiten von Dauerfinanzkrimis  und  zunehmender  Irrationalität  –  gleichsam  im  Auge  des  Taifuns  –  den  Gefühlserbschaften zuwenden, die sich unserem gemeinsamen Selbstbefragungsprozess bisher entzogen haben? Warum nicht die Chance nutzen, sich von der bizarren Schamkultur frei zu machen, die wieder einmal quer durch alle politischen Lager auf das folgte, was nun „Rechter Terror“ heißt? Warum sich nicht mit der „ Linken“ so richtig in die Wolle kriegen, einer Partei, die sich mit dem 4. November 2011 – in ihrer falschen Antifaschismus-Attitüde – wieder einmal auf der besseren Seite der Geschichte wähnt? Ihre maßlose Verweigerung der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur wurde bei Lichte besehen zum besten Garant dafür, dass sich
die  Destruktionsschule  des  Ostens,  nachgerade  der  ostdeutschen  Jugend,  in  solch  tödlicher Weise formieren konnte.
Operation am politischen Herzen heißt in meinen Augen zuallererst die Bereitschaft, auf die eigenen blinden Flecken zuzugehen. Jeder für sich und schließlich auch miteinander, im Gespräch. Denn wie wollen wir nach dem November 2011 weitermachen? Mit großen, politisch korrekten Trauerfeiern in Berlin, auf denen die Kerzen so wohl bedacht vor sich hinflackern, die Sätze austariert daherkommen, doch jeder Eigenanteil der regierenden Politik verschwiegen werden muss? Mit der selbstgerechten Haltung der Opposition, die sich einmal mehr in ihrer politischen Verantwortungslosigkeit baden darf? „Und so wohnen wir in Sachsen / auf modernden  Matratzen“,  singt die  Chemnitzer  Band  „Kraftklub“,  alle  fünf  Jahrgang  ‘89.  Modernde Matratzen? Ist das ein Symbol? Wofür? „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt / bin ein Verlierer, Baby / Original Ostler“ – „Ich kann nichts dafür, doch die meisten begreifen nicht / dass es nicht meine Schuld ist / sondern eigentlich das System, Politik und Hartz IV / Egal, woran es liegt, es liegt nicht an mir.“ Jeder kennt die Songs der Band mittlerweile. Sie machen Furore, sind längst Feuilleton-Gespräch und werden – ob es der Band passt oder nicht – vielfach parallel zum parzellierten Todes-Auftritt des Jenaer Trios gelesen. Man zeigt die Band in den Tagesthemen und  den Heute-Nachrichten.  Noch in der Woche des  Erscheinens  landete  ihre neue Platte auf  Platz  1  der deutschen Album-Charts.  „Kraftklub“  ist  jung.  „Kraftklub“  ist  trashig. Aber ja doch. Eine Band muss rumröhren dürfen. Ihr Nein ist besser als jedes Dauerschweigen. Und ihr Zorn liegt auf der Hand. Und dennoch: In diesem Loser-Sound versteckt sich gleichermaßen der Opferstatus der Generationen vor ihnen, wie des Ostens generell. In dem Sinne eine Art selbstauferlegter Infantilismus.“

Siehe auch:  Hildgund Neubert: Autoritär und gewalttätig. Die geistigen Wurzeln des Neonazismus in der späten DDR, in Gerbergasse 18, Heft 64

 

 

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Ein Kommentar zu „Jeder schweigt von etwas anderem. Ines Geipel über die Nazimorde und die DDR

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