Im IM steckt die ganze DDR

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Die Klage, dass die DDR-Aufarbeitung auf die Repression und da auf die IMs, die inoffiziellen Mitarbeiter, konzentriert wäre, ist weit verbreitet. Anstalten, dies zu ändern, machen die Kritiker/-innen nicht. Anstatt über die meist kleinen Fische zu reden, müsste man in der Tat über die Kader reden, die die MfS-Berichte auf den Tisch bekamen, über die SED, über die Zentralverwaltungswirtschaft, über die SED-Kreisdienststellen.

Stattdessen machen die Nachwuchskader, die in den 80ern in die Führungspositionen aufrücken wollten, nach der „Wende“ in der SED-Nachfolgepartei und in den brandenburgischen Ministerien Karriere. Wem nützt die Verkürzung der Aufarbeitung auf die Frage „Wer war IM?“.

Helmut Müller-Engbergs ist der IM-Experte der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU). Mit dem ihm eigenen trockenen, provokanten Witz berichtete er letzte Woche in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstr. 54 über IMs.

Dass er der Fachmann dafür wurde, verrät er, verdankt er der Tatsache, dass niemand anders das brisante Thema bearbeiten und sich damit die akademische Karriere verderben wollte.

Er liefert eine klar strukturierte Übersicht, gibt Beispiele, zeigt auf, dass das Thema komplex ist. Es wird deutlich, wie schwierig die Aufklärung ist, nachdem das MfS, teilweise auch noch mit Unterstützung der letzten, frei gewählten DDR-Regierung und Bürgerrechtlern, Akten vernichtet hat. Er ist als Wissenschaftler zu vorsichtigen Urteilen verpflichtet, sagt, wenn er etwas belegen kann und weist darauf hin, wenn es sich um Arbeitshypothesen handelt, die plausibel erscheinen, aber nicht verifiziert sind. Ein Problem bei der Aufarbeitung ist auch der Unterschied in der Definition des IM zwischen MfS und BStU: Für das Ministerium ist derjenige IM, der „liefert“, für die BStU ist IM, wer die Verpflichtungserklärung unterschrieben hat.

So kommt es zu Einschätzungen, dass jemand, dessen Verpflichtungserklärung nicht auffindbar ist oder  es nie gegeben hat, heute nicht als IM bezeichnet werden darf, obwohl er mit seinem Decknamen in den Berichten steht. Nahezu tragisch ist der Fall eines Brandenburger Schulhausmeisters und Kommunalpolitikers, der dafür warb, Stasi-Kontakte von Lokalpolitiker/-innen offenzulegen und dann das einzige Opfer wurde. Er war dem MfS  wegen eines Materialdiebstahls in seinem Betrieb aufgefallen und wurde zur Mitarbeit gezwungen. Er unterschrieb die Verpflichtungserklärung, machte dies aber am selben Tag öffentlich, sodass er „unbrauchbar“ wurde. Nach der BStU-Definition war er aber IM, der einzige in dem lokalen Parlament. Er musste sein Mandat aufgeben. Seine Hausmeisterstelle in der Schule verlor er ebenfalls.

Es gab in der DDR im Lauf der Zeit insgesamt 624.000 IM, jeder 89. Einwohner war es (Wobei alle Einwohner von Geburt an mitgezählt sind). Zuletzt waren es 189.000. Vergessen wird fast immer, dass die Volkspolizei zusätzlich über 15.000 Polizieinformanten verfügte. Die NVA, in der das IM-Netz am dichtesten geknüpft war, hatte noch 1.000 eigene Informanten, die dem Verteidigungsminister unterstellt waren. Die Überwachungsquote war ungleich höher als in allen anderen Ostblockstaaten.

Im Zuge der Brandt´schen Entspannungspolitik hatte die Zahl zugenommen. Auch das MfS selbst expandierte in den 70ern, die Repression nahm nicht etwa ab, sondern wurde subtiler und weniger manifest. (Nachtrag Februar 2014: Lutz Rathenow sagte in der ZDF-Dokumentation „Nicht alles war schlecht“: Die DDR war eine Republik des Psychoterrors“.) Dazu trug auch die psychologische Schulung der Offiziere im Studium an der Potsdamer MfS-Hochschule bei.

(Die Hoffnung Bahrs und der SPD war, dass die SED, wenn man sie als gleichberechtigten Partner behandelte und ihren Staat als normalen Staat anerkannte, sich entkrampfen würde und weniger repressiv im Innern sein würde. Das war nicht der Fall. Die Dialektik der Entspannungspolitik wird m. E. wenig diskutiert.

Ein paar  Details:

  • 50 bis 70% der IMs waren SED-Mitglieder.
  • In Brandenburg gab es die größte IM-Dichte. Eine wissenschaftlich begründete Erklärung gibt es nicht.
  • Nur 17% der IM waren weiblich.  Müller-Engbergs erzählt von einem Interview mit einem Führungsoffizier: „Männer sind wie Schäferhunde. Die kann man abrichten. Frauen sind wie Katzen.“ Ein weiteres Problem: Männlicher Führungsoffizier und weiblicher IM blieben nach Beendigung des dienstlichen Gesprächs gelegentlich aus privaten Gründen noch in der konspirativen Wohnung. Das MfS versuchte dem zu begegnen, indem es weiblichen IMs zwei Führungsoffiziere zuordnete. Da solle vorgekommen sein, dass man sich zu dritt vergnügte.
  • Die IMs waren überaltert. 1.300 waren minderjährig.
  • Das Hauptinteresse des MfS galt den Bereichen Versorgung, Wirtschaft, Stimmung der Bevölkerung. Die von linken Politikern gerne zur Verteidigung des MfS gerne vorgebrachte Behauptung, jeder Staat brauche einen Geheimdienst, um sich vor feindlicher Spionage und Sabotage zu schützen, wäre Folklore. 98% der Arbeit des Ministeriums hatte mit Gefahrenabwehr von außen oder Auslandsspionage nichts zu tun.
  • Geschenke oder Bezahlung spielen kaum eine Rolle (Ausnahme s. u.!). Die Stasi suggeriert, dass man Gutes tue, wenn man IM sei. Das halte sich bis heute: Dass man doch keinem geschadet hätte mit seinen Berichten, sagen alle ehemaligen IMs.
  • Der Deckname wurde frei gewählt werden. Auch ausländische Automarken waren möglich. Tabu war einzig „IM Judas“.
  • Etwa jeder Dritte lehnte die Mitarbeit ab. Es ist ihnen nichts passiert. Das konnte man aber seinerzeit nicht wissen. Ein Drittel tat es aus Überzeugung, weil man den Sozialismus mit aufbauen wollte. Ein weiteres Drittel macht mit, weil es Angst hatte, nein zu sagen.
  • Die Stasi nutzte Verfehlungen (Diebstähle am Arbeitsplatz, Fehlverhalten Jugendlicher), um Mitarbeit zu erzwingen. Wobei man wusste, dass erzwungene Mitarbeit meist nicht lange funktionierte.
  • Zeitweise gab es so viele IMs, dass die Führungsoffiziere nicht ausreichten. Dann wurden zuverlässige IMs als Führungsoffiziere eingesetzt (FIM).
  • In Westdeutschland gab es insgesamt 12.000 IMs, zuletzt 3.000. (Nur diese machten sich strafbar. IM-Tätigkeit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist nicht strafbar; GS)
  • In der DDR wurden den westlichen Geheimdiensten IMs angedient. (Doppelagenten). Der KGB hat das gestoppt, weil er fand, dass dabei zuviel Information preisgegeben wurde.

Die gefährlichste Kategorie unter den zahlreichen IM-Arten war der  IMB, der inoffizielle Mitarbeiter zur Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen. Sie wurden in Oppositionskreise, in Kirchengemeinden eingeschleust. Während die normalen IM stille Beobachter und Zuträger waren, sollten IMBs aktiv werden, auch negative Propaganda machen, zu oppostionellen Aktivitäten aufrufen und sie mitorganisieren. Sie sollten die Strafverfolgung und Verurteilung missliebiger  Menschen zu ermöglichen oder an Zersetzungsmaßnahmen mitwirken. Sie erhielten  öfter als andere Geldgeschenke oder Hilfen, z. B. beim Hauskauf oder bei der Autozuteilung.

IMBs waren u. a.Wolfgang Schnur und Ibrahim Böhme, auch IM „Sekretär“ (aller Wahrscheinlichkeit nach Manfred Stolpe). Die Akten der IMBs wurden 1989 und 90 gezielt vernichtet. Die aufwändige und teure Rekonstruktion von Akten aus Papierschnipseln habe dazu geführt, dass einem evangelischen Bischof in Thüringen eine 300-Seiten-Akte als IMB zugeordnet werden konnte.

Was ist aus den 13.000 Führungsoffizieren geworden, die die Informationen der IMs einsammelten? 40% der Führungsoffizere Ende der 80er Jahre waren Akademiker (Juristen und Psychologen aus der MfS-Hochschule in Potsdam. „Sie bilden heute das Rückgrat des Mittelstandes in Brandenburg.“  Die IM-Dichte in brandenburgischen Ministerien sei höher als die in DDR-Behörden vor der Wende.

Ich bin nicht zuletzt durch die Ausführungen von Dr. Müller-Engbergs zu der Auffassung gekommen, dass der Focus der DDR-Aufarbeitung auf IMs kein Nachteil ist.

Im Thema „IM“ steckt die ganze DDR:

Gesellschaft: Es gab Menschen, die „Nein“ gesagt haben.Es gab Menschen, die glaubten, Gutes zu tun, wenn sie der Obrigkeiten von der Ehefrau, den Freunden, den Arbeitskollegen erzählten. Es gab Opportunisten, die sich Vorteile davon versprachen. Jeder war sich bewusst, dass es in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Kneipe, in der Gefängniszelle Informanten gab.

Staat: Die Überwachung war total, von den Kameras auf dem Alexanderplatz bis zu Dutzenden von IMs , die auf einen Einzelnen angesetzt waren. Die Überwacher waren gut ausgebildete Akademiker. Sie erhielten ein überdurchschnittlich hohes Gehalt.

Wirtschaft: Das MfS war vorrangig interessiert an Informationen über Wirtschaft und Versorgung. Was verrät das über das Wirtschaftssystem?

Schule: Stasi auf dem Schulhof könnte der Einstieg in das Thema DDR sein.

  • Aufschlussreich ist ein Interview mit dem Historiker Stefan Wolle über den IM und Spitzenpolitiker von PDS/Linkspartei, Lothar Bisky, aus dem Jahr 2005.
  • Das Beispiel Dr. Hans-Jürgen Scharfenberg: Jahrelang-IM, dann Parteisekretär an der Potsdamer Hochschule für Staat und Recht, wo er  Spitzelberichte auf den Tisch bekam, nach der „Wende“ PDS-Landtagsabgeordneter und Potsdamer Stadtverordneter, knapp unterlegener OB-Kandidat. (Detaillierter Bericht zur IM-Tätigkeit in den Potsdamer Neuesten Nachrichten)
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Ein Kommentar zu „Im IM steckt die ganze DDR

    […] würde bedeuten, dass er nicht nur stiller Beobachter und Zuträger war, sondern wohl zu dem wichtigsten Typ IM, dem IMB, […]

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