Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (2): Die Vernunft hatte Fieber

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Wenn ich im persönlichen Gespräch dieses Thema anspreche, bekomme ich, wie gesagt, zu hören: Die Kommunisten hätten das Gute gewollt, was man von den Nazis nicht sagen könne. Letztlich höre ich nichts Überzeugendes. Verbrechen im Namen des Guten, etwa die Millionen Toten der Roten Khmer, Maos oder Stalins, wären vertretbar oder gar notwenig.

Jetzt habe ich eine Protokollnotiz gefunden, die mir geeignet erscheint, zitiert zu werden: Thomas Anz referiert eine Debatte, die vom Feuilleton der FAZ durch eine scharfe Rezension des Buches „Was bleibt“ von Christa Wolf ausgelöst wurde. Sie mündete in einen Streit um die Art der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Verteidiger Christa Wolfs, so der Vorwurf, hätten am lautesten gegen die Verdrängung der Nazi-Vergangeneit angeschrieben und würden jetzt die DDR bagatellisieren.

Anz fasst zusammen: „Immerhin darüber waren sich die Streitenden, wenn auch mit unterschiedlichen Akzentsetzungen, einigermaßen einig: Dass das stalinistische und poststalinistische DDR-Regime mit dem NS-Regime zwar verglichen, aber nicht gleichgesetzt werden kann. Vor dem Hintergrund auch des „Historikerstreits“ um die Einzigartigkeit oder historische Relativierbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen insistierten vor allem die linksintellektuellen Debattenteilnehmer/-innen auf den Differenzen zwischen NS- und DDR-Regime. Das Volk der DDR habe „weder Synagogen angezündet, noch den totalen Krieg gewollt“, hielt der Literaturwissenschaftler Hans Mayer solchen Vergleichen entgegen. Und der Kritiker Hans Krieger wies mit Nachdruck darauf hin, „was den bürokratischen Totalitarismus des DDR-Sozialismus vom wahnhaft mörderischen der Nazis bei allen Vergleichbarkeiten eben doch fundamental“ unterscheide: „Die DDR hat eben keinen Weltkrieg mit 50 Millionen Toten vom Zaun gebrochen und nicht Millionen Juden vergast. Vor allem aber: „Der Herrschaftsanspruch der Kommunisten entsprang nicht dem puren Machtrausch wie der der Nazis, sondern dem Versuch, ehrenwerte Ideale von sozialer Gerechtigkeit durchzusetzen. Und auch wenn diese Ideale bis zur Absurdität pervertiert werden mußten, weil Zwang und Gewalt sie im Ansatz diskreditierten, so haftet dem Scheitern dieses schrecklichen Experimentes doch eine gewisse Tragik an, die auch vielen Repräsentanten des DDR-Staates und der DDR-Kultur nicht abzusprechen ist: Das Wahnhafte dieses Machtgebildes war kein bloßer Paroxysmus von Dummheit und Brutalität wie der Terrorstaat der Nazis, sondern gewissermaßen ein Fieberanfall der Vernunft, verstehbar aus der Dialektik der Aufklärung. Sobald die Vernunft aufhört, ein kritisches Instrument der Wahrheitssuche zu sein, die Wahrheit gefunden zu haben meint und sie planerisch durchsetzen will, dient sie nicht mehr der Freiheit, sondern schafft Sklaverei.“

Stalins und Maos Verbrechen werden ausgeblendet. Das scheint unter Linksintellektuellen Konsens zu sein. Auch ostalgische Leserbriefschreiber in Potsdam, die die Gefechte von gestern nachkämpfen, haben Stalin aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Und die Häftlinge, die in Bautzen, Hohenschönhausen und Hoheneck gefoltert wurden, können sich damit trösten, dass es keine kranken, dummen und brutalen Nazischergen waren. Es war ein Fieberanfall der Vernunft.

Das erinnert mich an den unvergleichlichen Tagebucheintrag Ernst Jüngers, der bei einem Glase Rotwein über die Schönheit eines Bombenangriffs auf Paris sinniert („tödliche Befruchtung“). Auch wenn es sich um eine erfundene Szene handelt, wie man inzwischen weiß, um einen erotischen Tagtraum vor dem Hintergrund seiner Liebe zu einer Deutsch-Französin im besetzten Paris.

Für Linksintellektuelle sind Morde und Folter der Stasi Fieberanfälle, wie sie nun einmal in zivilisierten Gesellschaften vorkommen. Der „Zivilisationsbruch“ (Prof. Dr. Martin Sabrow über den Massenmord der Nazis) beginnt erst bei der großen Zahl. Da kann man den SED-Terror schon mal aus dem Blick verlieren. Wenn uns Geschichtslehrern die Neonazis unter unseren Schülern eine Debatte darüber aufdrängen wollten, dass nicht 6 sondern nur 4 Millionen europäische Juden ermordet wurden, fragten wir, wie es einzuschätzen wäre, wenn er als deutscher Staatschef nur einen einzigen deutschen Juden hätte ermorden lassen? Wäre er als Staatsoberhaupt noch tragbar gewesen?

Nachtrag 9.2.12: Erika Steinbach (CDU), als Tochter eines deutschen Wehrmachtsangehörigkeiten im besetzten Polen geboren und im späteren Leben Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat einmal wieder die Trommel gerührt: Sie bezeichnete die NSDAP als linke Partei. Die Kommentatoren in den Social Media stehen Kopf und liefern sich Zitatschlachten in den Kommentarspalten.

Wenn ich jetzt auf eine Anmerkung von Götz Aly dazu verweise, wird das wenig überzeugen. Aly ist ein rotes Tuch für viele, weil er immer wieder unbequeme Erkenntnisse zu Tage fördert, sei es über die 68er, sei es über die „Wohlfühldiktatur“ Hitlers oder zuletzt über die Ursachen des Antisemitismus (Darin vermag ich ihm nicht recht zu folgen.)

Aly bekommt die Wirkung seiner Bücher handfest zu spüren. Im Otto-Suhr-Institut der FU, einer ehemaligen 68er Hochburg lehnt man es ab, ihn zum Professor zu ernennen. Keine Probleme hatte das OSI seinerzeit, einen früheren Faschisten und Waffen-SS-Angehörigen, Johannes Agnoli, zum Professor zu ernennen. Der war von der extremen Rechten zur extremen Linken gewandert und Theoretiker der 68er-Bewegung geworden.

Ein Blogpost aus Österreich: Die Historiker und Linken, die so heftig gegen Vergleiche des Nationalsozialismus mit dem Kommunismus protestieren, haben es nicht verhindern können, dass eine Diskussion über dieselben Wurzeln von nationalem und internationalem Sozialismus geführt wurde.
Aus dem unendlichen Vergleich zweier totalitärer Ideologien herausführend: Richard Wagner.
Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914 – 1945, beschreibt Ähnlichkeiten und Besonderheiten der kommunistischen, faschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen. (Rezension FAZ 30.4.12)
Nicht immer finde ich Wikipedia-Artikel hilfreich, den aber schon.

Nachtrag Januar 2014
Peter Sloterdijk in einem Interview:

„Dass sich der linke Faschismus als Kommunismus zu präsentieren beliebte, war eine Falle für Moralisten. Mao Tse-tung war nie etwas anderes als ein linksfaschistischer chinesischer Nationalist, der anfangs den Jargon der Moskauer Internationale pflegte. Gegen Maos fröhlichen Exterminismus gehalten, erscheint Hitler wie ein rachitischer Briefträger. Doch man scheut noch immer den Vergleich der Monstren. Das massivste ideologische Manöver des Jahrhunderts bestand ja darin, dass der linke Faschismus nach 1945 den rechten lauthals anklagte, um ja als dessen Opponent zu gelten. In Wahrheit ging es immer nur um Selbstamnestie. Je mehr die Unverzeihlichkeit der Untaten von rechts exponiert wurde, desto mehr verschwanden die der Linken aus der Sichtlinie.“

Sloterdijk bezeichnete „den Linksfaschismus“ 2006 in seinem Werk „Zorn und Zeit“ als „vorherrschendes Sprachspiel“ im Antifaschismus der Nachkriegszeit, des Stalinismus und der Neuen Linken. Er bezog den Begriff auf den gesamten Realsozialismus unter Lenin, Stalin und Mao. Er listete Merkmale auf, die deren Systeme für ihn mit dem Nationalsozialismus vergleichbar machen, darunter Führerprinzip, Militarismus, Zentralismus, Kollektivismus, Demokratiefeindlichkeit, Misstrauen gegen Individualismus und Pluralismus, Monopolisierung des öffentlichen Raums und der Medien durch Parteipropaganda, die Aufhebung des neuzeitlichen Tötungsverbots im Dienst der als gut erklärten Sache und weitere.[51]

Gesamter Text aus Wikipedia

Ist „Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“, der Song, der zum Schlachtruf der Linksautonomen wurde, Lichtjahre entfernt vom Vernichtungswillen der Nazis?

Zum Vergleich… (1 – 7)

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5 Kommentare zu „Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (2): Die Vernunft hatte Fieber

    […] Pol Pots meist unter den Tisch. Sie waren halt kein Zivilisationsbruch. Intellektuelle reden vom „Fieber der Vernunft“. Es geht ja um eine gute Sache, und mit ein wenig Gewalt und der Liquidation der Feinde kommt man […]

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    […] Es ist wie immer bei Kommunisten: Die Sache war notwendig. Wir sind die Guten. Der Weg zum Kommunismus ist steinig. Kollateralschäden kommen vor.  Oder wie marxistische Intellektuelle in der Vorlesung oder beim Glas Rotwein am Kamin zu sagen pflegen: “Die Vernunft hatte Fieber.” […]

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    […] (Adorno/Horkheimer) krank geschrieben. Die kommunistischen Verbrechen werden als “Fieberanfall der Vernunft” […]

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    Basedow1764 sagte:
    04/01/2012 um 11:57 am

    Ihre Frage wird im Text beantwortet.

    Längere Antwort: Wenn alle so dächten wie Sie, wäre es einfacher. Sie haben sicher die Leserbriefe zur Forderung altkomm. Spanienkämpfer nach sichtbarer Erinnerung an ihren Kampf im öffentlichen Raum Potsdams gelesen. Da wird Stalin, der in Spanien seinen NKWD gegen die Genossen eingesetzt hat, und zwar heftig, lässig abgetan. (Verständlich, da man die eigene Biographie entwerten würde).
    Auf einer Tagung im Potsdamer Einstein-Forum ging es letztes Jahr um Versöhnung von Tätern und Opfern und um Schlussstriche (Ich habe dazu gepostet). Da wurde ausschließlich über die Nazizeit geredet, 2011 in Potsdam!

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    DonBib sagte:
    04/01/2012 um 8:14 am

    Kurze Frage: Wozu überhaupt dieser Vergleich? Stalin auszublenden ist für mich ebenso großer Käse, wie aktuelle Geschehnisse auszublenden. Ich halte Vergleiche mit dem Nationalsozialismus tatsächlich für Relativierungen, weil auch ich diesn in seiner Form als einmalig betrachte. Trotzdem kann ich den Stalinismus als eine völlig enthemmte und massenmordende Diktatur betrachten, trotzdem kann ich Folter der Stasi verurteilen und trotzdem kann ich mit einem Blick auf aktuelle Geschehnisse Folter in den USA verurteilen, Kinderarbeit für unsere tägliche Schokolade verurteilen und die schrecklichen und menschenverachtenden Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Niedriglohnländern veruteilen, von denen wir profitieren um günstig einkaufen zu können.
    Warum also dieser versuchte Vergleich?

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