Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961 – 1971

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Die Bundeszentrale für politische Bildung muss ausgewogen politisch bilden, schließlich sind in ihrem Kuratorium alle Bundestagsparteien vertreten. Von 1973 bis 2000 hatte sie sogar jeweils drei parteipolitisch abgestimmte Direktoren. Kein Wunder, dass sie auch bei der Literatur zur DDR auf Ausgewogenheit achten muss. Jetzt hat Direktor Thomas Krüger nach dem  problematischen Buch über DDR-Mythen das oben genannte angekauft.

Ich war schon beim Lesen des Titels überrascht. Ausgerechnet die 60er Jahre als Aufbruchsjahre ins kommunistische Paradies zu bezeichnen ist bemerkenswert.  Zu Beginn des Jahrzehnts hat die SED die Ostdeutschen endgültig eingesperrt. Ulbricht macht dann das, was alle kommunistischen Staaten immer wieder machen: Er verordnet der schwerfälligen, teuren Planwirtschaft marktwirtschaftliche Elemente  (NÖSPL). Und wird deswegen von Honecker und dessen Getreuen gestürzt.

Honecker ruiniert dann die DDR durch eine nicht finanzierbare Sozialpolitik vollends und baut in den 70ern das MfS aus.

Währenddessen gab es im Rest der Welt 1968. In Prag wäre die NVA am liebsten mit einmarschiert. Da war der DDR-spezifische Aufbruch nach Utopia, kaum dass er begonnen hatte, schon wieder vorbei.

Nun, für ca. 5 Mio SED-Mitglieder und ihre Familien war die DDR von Anfang bis Ende ein Vorgeschmack auf die sozialistische Utopie: Vor allem die Kader und ihre Familien mussten wenig entbehren. Sie bekamen die besseren Autos, die besseren Wohnungen, die besten Krankenhäuser, die Ufergrundstücke und die besten Urlaubsplätze.

Schon Lenin hatte dafür gesorgt, dass seine Bolschewiki die Wohnungen der Adligen übernehmen durften. Für die Werktätigen gab es die Kommunalka: Fünf Zimmer für fünf Familien.

In der DDR bauten schon mal die Ministerien die Wohnhäuser für den Minister, die Materialien ausschließlich aus dem Westen natürlich.

Vielleicht meint Wolle den Titel ironisch. Wolle hatte schon einmal den ironischen Buch-Titel „Die heile Welt der Diktatur“ gewählt und darin zutreffend den Alltag in der DDR beschrieben.

Stefan Hilsberg besprach es im Deutschlandradio.

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