Fragwürdige Wunschliste für die Brandenburger Bildungspolitik: Mehr Ausgewogenheit beim Unterricht über die DDR

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Prof. Martin Sabrow, Direktor des Potsdamer Instituts für zeitgeschichtliche Forschung, hält nichts von der These des mangelnden Wissens über die DDR bei ostdeutschen Schülern. Sie wüssten nicht weniger, sie wüssten anderes, meint er.

Neben dem „Diktaturgedächtnis“, das im Unterricht gepflegt werde und das für Umfragen zum Schülerwissen maßgeblich sei, gäbe es nämlich noch das „Fortschrittsgedächtnis“, das auf die Aufstiegsmobilität und die Befreiung vom Joch der nazistischen Unterdrückung in der DDR abhebe und das in den ostdeutschen Familien neben der Selbstbehauptung in den „Umständen der Zeit“ erinnert werde.

Prof. Jürgen Angelow, Uni Potsdam, folgt in seinem Gutachten für die Enquetekommission den Thesen Sabrows. Auch er sieht ein einseitiges Geschichtsbild in den Schulen vermittelt: Die DDR als repressiver Staat. Man müsse auch andere „Bilder“ zulassen.

Er kritisiert auch den Zeitzeugeneinsatz von SED-Opfern in Schulen. Das gehe von methodischen Schwächen wie „langatmige Monologe“ bis zur fachlichen Unrichtigkeit und fehlenden Gesamteinordnung(!) der persönlichen Erlebnisse. Auch die emotionale Überwältigung darf als Gefahr nicht fehlen. Der „Beutelsbacher Konsens“ westdeutscher Politikdidaktiker müsse angewandt werden. (Siehe zur fragwürdigen Anwendung des Beutelsbacher Konsenses auch hier!)

Letzteres macht mich sprachlos. Diese Vereinbarung – Politikunterricht darf nicht indoktrinieren und muss kontrovers und ausgewogen angelegt sein -, zielte 1976 auf einen parteipolitisch unabhängigen, wissenschaftspropädeutischen Unterricht in einem Fach, das viele Jahre in Westdeutschland eine unpolitische „Gemeinschaftskunde“ gewesen war, aber auch je nach Bundesland nicht frei von parteipolitischer Einflussnahme auf die Lehrpläne.

In dem Konsenspapier heißt es sogar: „Zu fragen ist, ob der Lehrer nicht sogar eine Korrekturfunktion haben sollte, d. h. ob er nicht solche Standpunkte und Alternativen besonders herausarbeiten muss, die den Schülern von ihrer jeweiligen politischen und sozialen Herkunft her fremd sind.“

Dass dieser Konsens von Prof. Angelow in seinem Gutachten über DDR-Aufarbeitung in Brandenburgs Schulen jetzt auf die Darstellung der DDR-Diktatur angewandt wird, ist ist hochproblematisch.

Der Beutelsbacher Konsens verlangt Multiperspektivität und keine Einseitigkeit. Das hieße doch, Führungen in ehemaligen SED-Zuchthäusern und Arbeitserziehungslagern sollten nicht länger nur von ehemaligen Häftlingen durchgeführt werden, sondern auch von MfS-Offizieren und Aufsehern. Die Diktatur muss dann wohl mit allen Pros und Contras dargestellt werden.

Die Professoren Konrad Jarausch und Mary Fulbrook sprechen von „Konsens-“ und „Wohlfahrtsdiktatur“ DDR. (Letzteres wäre auch auf das „Dritte Reich“ anzuwenden!) Es war nicht alles schlecht und der Unterschied zur kapitalistischen sozialen Marktwirtschaft schrumpft auf unterschiedlich große Wohnungen oder den unterschiedlichen Sättigungsgrad an Pkw pro Haushalt.

Ein bisschen kritisch ist aber auch Angelow. Es findet sich eine Liste von Desiderata. Die liefert ihm die praxisnahe Potsdamer Gedenkstättenpädagogin Catrin Eich (Keine Festanstellung!; GS). Nach ihrer Meinung sollte die Aufarbeitung der Geschichte im Bildungsbereich durch folgende Maßnahmen unterstützt werden:

  • generelle Kostenfreiheit von Gedenkstättenbesuchen durch Schulklassen,
  • unkomplizierte Finanzierung von entstehenden Fahrtkosten seitens der Schulämter,
  • größere Unterstützung jener Lehrkräfte, die Aufarbeitung betreiben wollen, seitens der Schulämter und Schulleitungen (Antragstellung, Motivation, Anerkennung),
  • Erleichterung von Freistellungen der Lehrkräfte für Projekttage, Exkursionen und Fortbildungen,
  • Förderung regionalgeschichtlicher Recherchen in Kooperation von Schulen und Museen sowie anderen Bildungseinrichtungen vor Ort, einschließlich der Arbeit mit Zeitzeugen,
  • Unterstützung bei der Finanzierung solcher Projekte seitens der Kommune oder des Landes,
  • weiterer Ausbau des Gedenkstättenlehrersystems und der Projektwerkstätten sowie die Schaffung adäquater Arbeitsbedingungen für diese in den Gedenkstätten,
  • eine Aufstockung von Exkursionstagen im historisch-politischen Bereich,
  • die Förderung von Unterrichtsprojekten zum Thema DDR- Geschichte.
  Aus: Gutachten Angelow, p 20
 

Das ist in Brandenburg 20 Jahre nach der Revolution noch immer eine Wunschliste!

 
 

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4 Kommentare zu „Fragwürdige Wunschliste für die Brandenburger Bildungspolitik: Mehr Ausgewogenheit beim Unterricht über die DDR

    […] ist ein Unterricht möglich, wie sich Prof. Sabrow ihn wohl vorstellt: Ausgewogen und kontrovers, das „Fortschrittsgedächtnis“ der […]

    […] der „Beutelsbacher Konsens“ genannten Vereinbarung der Kultusminister der Länder darf niemand, der in der politischen Bildung […]

    […] Nachtrag: Siehe dazu auch im Blog „Ampelmännchen …“ zur Brandenburger Enquetekommission […]

    […] klingt gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Potsdamer Historiker Jürgen Angelow fordert auch mehr Ausgewogenheit im Unterricht über die DDR. Der Potsdamer Historiker Martin […]

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