Häftlingsfreikauf: Die SED hat geschummelt

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Der Historiker Jan Philipp Wölbern hat neuere (Wirklich? Das allermeiste ist bekannt!) Dokumente zum Häftlingsverkauf der ostdeutschen Kommunisten ausgewertet. Er macht deutlich, dass das MfS gar nicht glücklich darüber war, dass Menschen, die es einsperrte, nach eineinhalb Jahren schon wieder frei gelassen werden mussten. Andererseits benötigte die SED das Geld dringend, um Auslandsschulden zu bezahlen. 33.000 Häftlinge kauften die Bonner „Revanchisten“, „Imperialisten“, „Kriegshetzer“, „Renazifizierten“ (Wie es im SED-Jargon hieß)  dem Pankower Regime ab. Zusätzlich wurden über 250.000 wegen eines Ausreiseantrages Verhaftete freigekauft. Ingesamt flossen zwischen 1962 und 1989 8 Mrd DM. Für die SED war das ein nicht unwesentlicher Betrag, denn Geldsorgen hatte sie immer.

In den ersten Jahren entließ die SED die Freigekauften zu 40% in die DDR, nicht nach Westen! Rechtsanwalt Vogel brachte gegenüber den westlichen Unterhändlern vor, es gäbe keine Vereinbarung zur Ausreise in den Westen. Die SED konnte daher kräftig betrügen: Sie ließ sich auch Geld für nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe Freigelassene geben, für erfundene Häftlinge und natürlich nicht nur für „politische“, sondern auch für gewöhnliche Verbrecher. Auch westdeutsche DDR-Besucher wurden verhaftet, um sie zu  verkaufen. Wenn besonders dringend Devisen benötigt wurden, war das MfS angewiesen, verstärkt Ausreisewillige zu verhaften.

Ab 1972 bezahlte Bonn eine Jahrespauschale, um nicht mehr um jeden einzelnen Häftling feilschen zu müssen. Der Durchschnittspreis für einen Freizukaufenden hatte sich auf ca 96000 DM eingependelt. Es gab halbe und doppelte Sätze. Ein Arzt wurde natürlich teurer verkauft als ein Arbeiter.

Die Rechtsanwälte Stange (West) und Vogel (Ost) teilten sich das Bonner Honorar. Die Bezahlung muss gut gewesen sein. Auch der Ostberliner Generalstaatsanwalt Kaul drängte in das Geschäft. Die Honorarhöhe ist bis heute geheim!

😉 Betrachten wir es mit den Augen der „Systemkonkurrenz“-Verfechter: 1: 0 für die Kommunisten. Die Kapitalisten gaben Geld aus, ohne eine handfeste Gegenleistung zu bekommen. Sie ließen sich dabei noch übers Ohr hauen. Die Kommunisten konnten ihre Kriminellen loswerden und bekamen noch Geld dafür. (Wobei ich jetzt außer Acht lasse, dass es humanitäre Beweggründe waren, die zu dem „Geschäft“ führten.)

Jan Philipp Wölbern, Für unsere Republik, FAZ 4.8.11., p 7
 
Bundesministerium des Innern und Bundesarchiv (Hrsg.), Dokumente zur Deutschlandpoitik. „Besondere Bemühungen“ der Bundesrepublik. Band I: 1962 – 1969. Häftlingsfreikauf, Familienzusammenführung, Agentenaustausch, München 2012
 
Wenig bekannt ist, dass Rumänien ab 1968 20.000 deutschstämmige Bürger an die Bundesregierung verkaufte. Es gab nach Kriegsende ca. 350.000 Deutschstämmige im Land. Sie wurden z. T. in die UdSSR deportiert, Unternehmer und Bauern wurden enteignet. Ein „normaler“ Mensch wurde für 1.700 DM verkauft, ein Facharbeiter 5.000 DM, ein Akademiker kostete 10.000 DM.
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