Lesetipp: Black Box DDR

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Es gibt ein Mittel, das gegen Ostalgie garantiert hilft. Das sind die Erzählungen von Einzelschicksalen, Erzählungen von kleinen Leuten, Erzählungen über Menschen, die glaubten, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und sich enttäuscht abwandten, als sie erkannten, dass die neuen Eliten auch nicht besser sind als die alten.

Das Mittel immunisiert gegen die, die das Menschen-Experiment schon wieder wagen möchten oder es alles in allem gar nicht so schlecht fanden.

Es ist wie in der Geschichte von Siegfried Lenz, „Ein Freund der Regierung“: All das saubere Neue, das die Regierung den Journalisten präsentiert, der fabrikneue Reisebus, die Bauern im Sonntagsstaat, die frisch getünchten Häuser, die schönen Reden des Regierungssprechers und die auswendig gelernten Sätze der vorgeführten Bauern, sie werden in dem Moment wertlos, als einer der Bauern einem Journalisten heimlich einen ausgeschlagenen Zahn in die Hand drückt.

So ein Mittel gegen die Verklärung der DDR ist das Buch von Ines Geipel und Andreas Petersen, „Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime“, Marix-Verlag.

black boxEs sind 33 Porträts aus den unterschiedlichsten Berufen und Bevölkerungsschichten, aufgeschrieben von Journalisten, Autoren und Historikern, die den Menschen zuhörten.

In einer der Geschichten geht es um das zerstörte Leben einer Frau, die als 16Jährige Internatsschülerin mit Duldung ihrer Erzieher alle 14 Tage – so der Titel dieses Porträts – in der Datsche ihres Führungsoffiziers verschwindet, sich begrabschen lassen und über ihre Mitschüler berichten musste. Als sie Studentin und verheiratet ist, macht sich die Universitätsparteileitung an sie heran und verlangt erneut Spitzelberichte. Sie wird darüber krank und ihre Ehe geht kaputt. Sie will ausreisen und wird deswegen zu Kriminellen ins Gefängnis gesteckt. Dann wird sie aus der DDR geworfen. Im Westen versucht sie einen neuen beruflichen Anlauf und wird Logopädin. Beim Schreiben von Patientenberichten kriecht die Vergangenheit hervor. Sie bricht zusammen, wird arbeitsunfähig und nach vielen Therapien frühpensioniert.

Ihr Onkel, ein Ex-DDR-Diplomat, trifft sich derweil mit früherer DDR-Prominenz wie Krenz und Kessler und „debattiert unerbittlich über eine gerechtere Gesellschaft“. Mit diesem Satz lässt Ines Geipel das Porträt enden.

Ich wünsche diesem Buch eine größere Verbreitung als den Autobiographien und Erinnerungsbüchern von Egon Krenz und Lothar Bisky, Markus Wolf, Jana Hensel und Peter Ensikat.

Statt der Vergleiche von Frauenemanzipation in DDR und BRD, wie sie das berlin-brandenburgische Lehrerfortbildungsinstitut für die wenigen Unterrichtsstunden, die es dafür gibt, empfiehlt, sollte besser aus „Black Box DDR“ in der Schule vorgelesen und darüber geredet werden. Die Landes- und Bundeszentralen für politische Bildung sollten das Buch in ihre Programme aufnehmen.

Nachtrag 14.12.10: Ines Geipel und Joachim Walther geben eine Anthologie mit Texten von Autoren heraus, die von der SED der Zensur unterlagen oder gar ins Zuchthaus kamen, noch bis 1989: „Die verschwiegene Bibliothek“. Die Büchergilde Gutenberg hat die Herausgabe, die auf 20 Bände geplant war, nach 10 Bänden aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Geipel und Walther erhielten jetzt einen Preis als Anerkennung für dieses Projekt.

(Der Artikel erschien zuerst 2009 auf „Basedow1764)

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2 Kommentare zu „Lesetipp: Black Box DDR

    […] Black Box DDR von Ines Geipel und Andreas Petersen […]

    […] Am Samstag war wieder die Aktion “Offene Gärten”. Eine schöne Idee: Private Gärten werden für das Publikum geöffnet. Auch der besagte Park konnte besichtigt werden. Ich wollte doch schon immer einmal sehen, wo staatstreue oder zumindest loyale DDR-Schriftsteller Urlaub machen oder arbeiten konnten: Hermann Kant, Christa Wolf, Maxie Wander, Brigitte Reimann u. a. Die anderen, nicht-loyalen, der DDR kritisch gegenüberstehenden wurden von der SED ins Zuchthaus gesperrt. […]

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