Freya Klier über das DDR-Schulwesen

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Ein hervorragendes Buch über die Schule in der DDR entdecke ich gerade. (Ich will ja nicht Experte dafür werden, aber wenigstens dem Gerede von der angeblichen Übernahme des DDR-Schulsystems oder wesentlicher Elemente durch Finnland etwas entgegensetzen können.)

Die Regisseurin und Autorin Freya Klier hat es geschrieben:

„Lüg Vaterland“

1990 erschienen und im modernen Antiquariat noch zu finden.

Sie erzählt von den Anfängen in den Nachkriegsjahren. Diese Anfänge waren reformpädagogisch geprägt, es wurde an die Weimarer Zeit angeknüpft. Erst mit den 50ern kam die Sowjetisierung des Schulwesens, die ideologische Ausrichtung und straffe Zentralisierung. Tausende von Lehrerinnen und Lehrern verließen in dieser Zeit enttäuscht die DDR.

In den späten 70ern erkannte die SED, dass angesichts der  technisch-wissenschaftlichen Revolution ihre Schule darauf überhaupt nicht vorbereitete und nur Mittelmaß produzierte. Der Staat verlor endgültig den Anschluss an die globalen Entwicklungen. Daraufhin wurden Spezialschulen eingerichtet, in denen eine Elite herangezogen werden sollte. Anders als im gleichmacherischen, zum Kollektiv erziehenden Schulwesen für die breite Masse, wurde an diesen Schulen, so schreibt Klier, die Individualität der Schüler wieder entdeckt. Der Wehrdienst wurde für sie gekürzt oder ihnen ganz erlassen. Die Schüler erhielten mehr Freiheiten. Verhaltensweisen wurden geduldet, für die man an der Oberschule sofort in den Jugendwerkhof eingewiesen worden wäre. Jetzt aber nahm man das in Kauf, in der Hoffnung das hoch begabte Kind würde dem Staat später einmal seine Kreativität und Begabung zur Verfügung stellen. Parallel dazu begann die Intelligenzforschung (Sarrazin lässt grüßen!), weil man Hochbegabung möglichst früh erkennen wollte.

Verwunderlich, dass ich das Buch nicht im brandenburgischen Verbundkatalog und nicht in der UB Potsdam (Lehrerausbildung!) gefunden habe.

Frau Klier legt zu Beginn ihren Bezugspunkt offen: Es ist die wahre sozialistische Pädagogik, die alles Fortschrittliche von den Philanthropen bis zur Reformpädagogik, von Clara Zetkin bis A. S. Makarenko, in sich vereinigt. In ihren Augen ist das Schulwesen der DDR eine schlimme Verirrung und keine Verwirklichung sozialistischer Ideale gewesen.

Auf jeden Fall erfährt man viel über das DDR-Schulwesen.

Eine Leseprobe aus dem Kapitel über  die Lehrer/-innen (p 172ff):

„1987 stellt ein 17jähriger Schüler einen Antrag auf Ausreise, nachdem sich eine allein erziehende Mutter auf einer Dienstreise in den Westen abgesetzt hat. Er wird sofort von der Schule relegiert.. Der Vorfall hat zur Folge, dass die Klassenlehrerin sofort politisch-ideologisch überprüft und zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert wird. Eine solche Stellungnahme hat auch die FDJ-Gruppe der Klasse (das ist die gesamte Klasse) abzuliefern. Da hier Freundschaften und Gefühle das Erfüllungstempo des Auftrags bremsen, braucht die FDJ-Gruppe mehrere Sitzungen, bevor das gewünschte Papier zustande kommt: die einhellige Verurteilung des Schülers.

Parteiliches Kesseltreiben ist auch im Elternaktiv angesagt; auch dieses hat eine Stellungnahme zu erarbeiten, und das heißt ebenfalls die einhellige Verurteilung des Schülers. hier nun „versagt“ die Lehrerin: Aus Sorge, der Schüler könne Selbstmord begehen, versucht sie vorsichtig, bei den Eltern Verständnis für seine Lage zu erwecken.

Mit ihrer Sorge ist sie aber an der falschen Adresse. Ein Mitglied des Elternaktivs greift sie frontal  wegen „Gefühlsduselei“ an und schwärzt die Lehrerin umgehend beim Direktor an. Nun gerät auch sie in die Zange: Unvermittelt taucht der Schulrat zwecks Hospitation in ihrem Unterricht auf und findet den ideologisch unzureichend. Außerdem wird das Lehrerkollekiv aufgefordert, die „Versagerin“ mündlich und schriftlich zu ächten … – das Kollegium spurt reibungslos.

Nun gerät die Lehrerin ebenfalls in eine schwere seelische Krise und stellt schließlich selbst einen Ausreiseantrag. Daraufhin fliegt sie zügig aus der Partei und wird strafversetzt in eine Nachbarstadt, in der sie bis zum Tag ihrer Ausreise in der Unterstufe unterrichtet.

Zweimal begegnet sie zufällig ehemaligen Kolleginnen. Die eine wechselt rasch die Straßenseite, die andere geht auf sie zu spuckt vor ihr aus und zischt: „Kapialistenschlampe“. Dazu gab es sicher keinen Auftrag, das war schon ganz freiwillig.

Siehe auch Ulrike Mietzner über die Entwicklung einer Schule zwischen 1945 und 1961

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3 Kommentare zu „Freya Klier über das DDR-Schulwesen

    […] Basis der Entscheidung ist allerdings, dass ich viel über die DDR-Schule gelesen habe (z. B. Freya Klier, Ulrike Mietzner), ich kenne DDR-Schulbücher und Lehrerhandreichungen, ich habe Erfahrungen […]

    […] Siehe auch Freya Klier, Lüg Vaterland […]

    […] Siehe auch Freya Klier über die DDR-Schule […]

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