Die Kosten der Einheit. Wieso der Einheit?

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Die Überwindung von 40 Jahren SED-Herrschaft kostete bis 2008 2.000 Milliarden €, nach Abzug von Rückflüssen den Beiträgen der Ostdeutschen verbleiben netto 1600 Milliarden. (Es gibt Berechnungen, die auf 1300 Mrd. für den Aufbau Ost kommen.)

Wie so viele habe ich über Helmut Kohls „blühende Landschaften“ gespottet. Aber kann man alles das, was jetzt das Ifo-Institut und die FU-Berlin zusammengetragen haben, unter den Tisch fallen lassen? „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge“, sagt Christoph Hein über die DDR-Propaganda. Das lässt sich sicher auch auf die jährlichen Meinungsumfragen des Geschäftsführers der weiter bestehenden DDR-Volkssolidarität anwenden, aus denen hervorgeht, dass es jedes Jahr schlimmer würde im Osten.

Da sind die Befunde zum Wohlstandsgewinn auch eine Meldung wert: U. a.

  • ist die Lebenserwartung gestiegen
  • wurde die Arbeitszeit verkürzt (40 statt 43,75 Std) 
  • ist das Trinkwasser ist wieder sauber
  • sind die Müllhalden saniert

Die Sicherung des Atommülllagers in Morsleben wird noch einige Milliarden kosten, woran die Bundesregierung in Person der ehemaligen Umweltministerin Merkel nicht ganz unschuldig ist. Die Beseitigung von Schäden aus dem Uranbergbau Wismut kostet wohl genau so viel.

  • Die Ausstattung mit Farbfernsehern und Telefonen geht auf 100%
  • Der Autobesitz hat westdeutsches Niveau erreicht
  • Die Wohnungsgröße ist gestiegen
  • Das Bruttoinlandsprodukt und die Produktivität haben sich verdreifacht
  • die Einkommen verdoppelt
  • Das Sparvermögen beträgt nicht mehr 25, sondern 50% des westdeutschen Durchschnitts (Vergleichszahlen 1991 zu 2007)

Mehr hier!

Ich ergänze: Die allermeisten Angehörigen der Nomenklatura sind, dank der Fürsorge von MfS und SED/PDS, mit Hilfe des Zugriffs auf das Volkseigentum, gut im neuen Deutschland angekommen. Sie sind in Politik, Verwaltung, Medien und als Unternehmer tätig oder erfreuen sich höherer Pensionen als in der alten Heimat. (Man sollte einmal die Bezieherin einer DDR-Witwenrente zum Thema Altersarmut befragen.)

Die Gegenargumente sind bekannt: Noch kein Westlohnniveau, höhere Arbeitslosigkeit, Abwanderung, schlechte Stimmung, Vorbehalte gegenüber der westdeutschen politischen Verfassung.

Die Forscher sagen, auch ein Vergleich mit den anderen ehemaligen Ostblockstaaten sollte angestellt werden, wenngleich es verständlich sei, dass man vor allem mit Westdeutschland vergleiche.

Natürlich wird jetzt wieder gemäkelt werden. Brandenburgs Ministerpräsident Stolpe hatte schon vor 5 Jahren damals genannte hohe Transferleistungen bestritten. Seine verstorbene ehemalige Sozialministerin Regine Hildebrandt sah alles Übel sowieso nur aus dem Westen kommen.

Wie so oft ist es die Sprache, die die Dinge nicht klärt, sondern verschleiert: „Kosten der Einheit“ heißt es, als ob es um 89/90 ginge und mögliche Fehler der Treuhand. Die Kosten haben unfähige SED-Funktionäre verursacht, die 40 Jahre lang ein teures, ineffizientes Wirtschaftsexperiment durchführten.

Der 1969 geflohene, ehemalige hochrangige Wirtschaftsfunktionär Werner Obst schlägt zudem vor, die Milliarden westdeutscher Kredite für Honecker und die Subventionen durch die UdSSR bei der Frage der Kosten nicht zu vergessen.

Das nach wie vor beste Buch über die Kosten der Einheit ist das Mammutwerk von Gerhard A. Ritter über die Übertragung des Sozialstaates auf Ostdeutschland:

Gerhard A. Ritter: Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates.

C. H. Beck: München 2006. 541 S.

Nachtrag 2.12.09: Wolf Biermann, der heute in der Landesvertretung Sachsen beim Bund über die Hintergründe seiner Ausweisung aus der DDR erzählte, hat dazu einen bestechenden Gedanken:

Das Gejammer im Osten, das Schimpfen auf die Wessis, die „Sieger“ (Daniela Dahn), erklärt er gerade wegen der immensen Transferleistungen. So großartig diese Wiederaufbaubillionen seien, sie demütigten aber auch die Ostdeutschen. Sie fühlten sich zu Geldempfängern degradiert. Sie könnten das nie und nimmer vergelten, wie es unter Freunden üblich sei. Da seien die Polen und Ungarn besser dran, die wären mit sich im Reinen, auch wenn es ihnen materiell nicht so gut ginge wie den Ostdeutschen.

Nachtrag 3.3.12: In einen Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums wird festgestellt wird, dass die Ost-Förderung in den letzten Jahren nur noch wenig Effekt in Richtung sozialer und wirtschaftlicher Angleichung hatte. Vor allem die Städte, mit wenigen Ausnahmen, hätten eine geringe Wirtschaftsleistung. Konstatiert wird auch die geringe Ausstrahlung Berlins. Berlin erhält fünfmal so viel Finanzausgleichsmittel (pro Kopf) wie die ostdeutschen Flächenstaaten, ähnlich ist es beim Transfer in der Renten- und Sozialversicherung.

In den Großstädten fehlten z. B. Konzernzentralen, denn an deren Sitz fiele bis zu 30% der Wertschöpfung an.

Der ehemalige IM, SED- und nach der „Wende“ Deutschbanker Edgar Most beklagt gern, dass Ostdeutschland nur noch die verlängerte Werkbank des Westens wäre. Dabei vergisst er, was Wirtschaftsprofessor Paqué von der Universität Magdeburg und ehem. Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, ergänzt:

Die Unternehmer, die von der SED enteignet, kriminalisiert und vertrieben wurden, haben in Westdeutschland die Firmen neu gegründet und sehen keinen Anlass, jetzt dort erneut die Zelte abzubrechen. Das sei ein langfristiger Flurschaden des Sozialismus.

Dieser Beitrag erschien erstmals 2009 auf Basedow1764

Update 2014: Prof. Klaus Schröder schätzt 2 Billionen , das Institut der deutschen Wirtschaft zählt 2015 ebenso viel.

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Ein Kommentar zu „Die Kosten der Einheit. Wieso der Einheit?

    […] am 2009/08/22 by Basedow1764 Aktualisierungen (und der gesamte Text) sind im Blog “Ampelmännchen und Todesschüsse” zu […]

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