Potsdamer Kontinuitäten: Die Gutmann-Villa, der Rechtsstaat und die Denkmalpflegerin

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Anrüchige Immobiliengeschäfte haben in Potsdam Tradition.

Herbert Gutmann war Direktor der Orientbank und später im Vorstand der Dresdner Bank. Wie es sich für Banker gehörte, baute er in den 20er Jahren in Potsdam, am Jungfernsee, eine prächtige Villa.

In Nachahmung der Praxis der Hohenzollern, die ihre Schlösser Charlotten- oder Cäcilienhof nannten, nannte er seinen Landsitz Herbertshof.

Er war Sammler orientalischer Kunst. Seine Villa enthielt einen holzgetäfelten Raum, das Arabicum, und andere wertvoll ausgestattete Säle. Das leider vergriffene Buch von Vivian Reinheimer, Herbert M. Gutmann. Bankier in Berlin. Bauherr in Potsdam. Kunstsammler, dokumentiert das. Zum Anwesen gehören auch ein unterirdischer Gang zum Ufer des Jungfernsees, ein Tennisplatz, Gewächshäuser und eine Turnhalle.

Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er aus der Bank gedrängt. Er ging 1936  nach England. 1939 konnte er im Exil seinen Potsdamer Landsitz verkaufen. Er starb krank 1942.

Das Bundesvermögensamt hatte den Verkauf 1992 als „verfolgungsbedingten Zwangsverkauf“ anerkannt. (In der DDR gab es keine Rückübereignung an jüdische Besitzer.) Die Erben konnten nach der „Wende“ das Grundstück in der Bertinistraße erst einmal nicht betreten. Das verwehrten ihnen 10 Jahre, bis 1999, Hausbesetzer. Was die Stadtverwaltung von Potsdam nicht davon abhielt, von den Erben Bußgelder zu verlangen, weil sie das Gebäude nicht gegen weiteren Verfall absicherten. Im Jahr 2000 gab es eine Brandstiftung im Haus.

In diesen Tagen gibt es Neues zu berichten. Die Erben hatten geklagt, weil ein 1355 Quadratmeter großer Grundstücksteil bis heute nicht zurückgegeben wurde, obwohl das Bundesvermögensamt 1992 einen Restitutionsanspruch für das gesamte Grundstück anerkannte hatte.

Was war geschehen? 1983 hatte die Potsdamer Stadtkonservatorin (In der DDR wurde nicht nur abgerissen!) das Nutzungsrecht für einen Teil seit 1945 volkseigenen Grundstücks gekauft. Sie war in ihrer dienstlichen Eigenschaft zuständig für die Villa und hatte sie unter Schutz stellen lassen.

Da die Frau sich lange Zeit vergeblich als Wohnungssuchende beworben hatte, schlug sie den Behörden vor, einen Teil des im Grenzgebiet(!) zu West-Berlin liegenden Grundstückes abzutrennen und ihr zur Verfügung zu stellen. So geschah es. Während anderswo in Grenzgebieten Bewohner in der Aktion „Ungeziefer“ vertrieben wurden, durfte sich in Potsdam eine zuverlässige Bürgerin im Grenzgebiet am Jungfernsee neu ansiedeln.

So schlimm kann die DDR doch nicht gewesen sein, wenn man ein volkseigenes Grundstück privat (übersetzt: geraubt) nutzen durfte. Und es herrschte Gleichheit: Was ein Großdichter wie Bertolt Brecht schaffte, nämlich ein volkseigenes Haus am See in Buckow zu reprivatisieren, das zum Inventar eines volkseigenen Betriebes gehörte, konnte auch eine einfache Potsdamer Bürgerin schaffen.

Nun hat das Verwaltungsgericht Potsdam entschieden, dass die Bürgerin das Grundstück am Jungfernsee in redlicher Absicht erworben hätte und daher darauf erkannt werden müsse, dass sie es behalten dürfe.

Siehe Märkische Allgemeine vom 22.1.11

Update 23.11.11: Apropos Immobiliengeschäfte: Im noblen Bertiniweg hat die Stadtverwaltung zu einem günstigen Preis Gelände an einen Bauträger verkauft und dabei das Vorkaufsrecht von drei Familien missachtet. Die haben jetzt vor einem Gericht Recht bekommen und müssen entschädigt werden.

Wie reagiert die Stadt Potsdam? Die Bauaufsicht taucht mit einem Zollstock auf, um im Wohnhaus einer Familie die Terrasse nachzumessen. Die Überdachung würde in die Nachbarparzelle hineinragen. Als der zufällig anwesende Zeitungsjournalist den städtischen Angestellten nach dem Auftrag fragt, packt der den Zollstock ein und geht. (MAZ v. 23.11.11)

Nachtrag Juni 2013: Die ehemalige Denkmalschützerin, die 1983 einen Teil des seinerzeit volkseigenen Gutmann-Grundstücks privat erworben hatte, muss jetzt immerhin teilweise zurückbauen. Sie hatte ihre Terrasse in das verbliebene Gutmann-Grundstück hineingebaut.

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