Antisemitismus in der DDR

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Die Empörung war groß, als Anette Kahane die Wanderausstellung „Das hat’s bei uns nicht gegeben!“ über Antisemitismus in der DDR präsentierte. Die Postkommunisten schäumten u. a. im „Neuen Deutschland“, früher die Tageszeitung der SED, jetzt der Linkspartei.

Dabei war Antisemitismus in der DDR-Alltagskultur unschwer zu beobachten, aber auch in Schauprozessen der Anfangsjahre oder bei der Schändung jüdischer Friedhöfe. Ostberliner Rabbiner verließen die DDR wohl nicht unbegründet. Die Gleichstellung Israels mit den Nazis, wie sie von Fernseh- und Zeitungsjournalisten betrieben wurde, hatte etwas Entlastendes: Auch im Osten hatten einmal die Nazis geherrscht. Wo waren die jetzt?

Oppositionelle beklagten die fehlende Auseinandersetzung mit dem Holocaust und das Verschweigen von Antisemitismus in der DDR. Die Aufstellung von Kerzen am Gedenkstein für die Leipziger Synagoge durch Jugendliche der Nikolaikirchengemeinde wurde 1983 von der Volkspolizei abgebrochen. Eine Mahnwache an der Ruine der Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße wurde 1984 von einem Großaufgebot der Vopo bewacht, aber nicht abgebrochen. (Dieser Absatz ist ein Nachtrag, nach Stephan Stach, FAZ v. 9.11.15, p 13)

Die Nazis wären ja Westdeutsche gewesen. Clevere Nazis konnten im SED-Staat unbehelligter Karriere machen als in Westdeutschland.

In den Kaderakten der Partei war vermerkt, ob jemand Jude war.

Simon Wiesenthal kam auf insgesamt 39 Fälle, in denen nach Recherchen seines Dokumentationszentrums ehemalige  Nationalsozialisten in den Propagandaapparat der DDR übergewechselt hatten: „Da gibt es ehemalige Parteigenossen, SS-Männer, SA-Führer, Vertrauensleute der Gestapo, Angehörige von Propagandakompanien, Mitarbeiter des NS-Rundfunks, des ‘Völkischen Beobachters’, des ‘Schwarzen Korps“, Beamte des Propagandaministeriums, Mitglieder des SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamts, Angehörige der berüchtigten ‘Legion Condor’. Sie tragen heute Orden der DDR, bilden in einigen Blättern – wie in der Redaktion des ‘Neuen Deutschland’ und der ‘Deutschen Außenpolitik’ – eigene Nazi-Cliquen… Diese Leute in diesen Funktionen zu beschäftigen, ist für die Machthaber auch bequem: Da sie das System der Diktatur bereits gewohnt sind, lassen sie sich  leichter lenken als auf dem Boden der Demokratie gewachsene oder jüngere, von revolutionären Ideen geleitete Journalisten. Ebenso bequem ist es für die NSDAP-Anhänger selbst – sie können ihre alte Linie unter einem anderen Machthaber weiter pflegen.“

Dieser Absatz ist gekürzt zitiert aus: Die gleiche Sprache : Erst für Hitler – jetzt für Ulbricht; Pressekonferenz von Simon Wiesenthal am 6. September 1968 in Wien, Dokumentation der deutschland-berichte, Bonn; erwähnt in: Deutsche Wirtschafts-Nachrichten

Hervorragend: Die Broschüre/DVD „Ausgeblendet. Der Holocaust in Film und Literatur der DDR“, nicht zuletzt die Videos
„Antisemitismus in der DDR„, Spiegel-TV auf Youtube

Aus der Vorstellungsveranstaltung zur Ausstellung der Anetta Kahane (von der Webseite der Amadeu-Antonio-Stiftung übernommen):

„André Hermlin, Leiter des Swing Dance Orchestras und Sohn des berühmten DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin, berichtete von zahlreichen Erlebnissen mit Antisemitismus im Alltag: `Ich hatte einen Lehrer, der auch einmal offen sagte: Das mit den Juden sei so eine Sache, natürlich gäbe es unschuldigen Juden, die in den KZs ums Leben gekommen sind, aber auch die jüdischen, kapitalistischen Milliardäre.´

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, erinnerte sich, dass die Elterngeneration vor allem nicht als Juden kenntlich sein wollten, um nicht schon wieder anders zu sein als ihre Mitmenschen: `Das Verhältnis zum Jüdischen war im Kommunismus sehr ambivalent – Juden waren ja nicht nur die Opfer des Holocaust, sondern auch Synonym für den bösen Kapitalismus. Auch war im System Individualität und damit Abweichung vom Kollektiv nicht gewollt. Zu sagen ‚Ich bin anders‘ war schon die Tat eines Mutigen.´

Thomas Heppener, Leiter des Anne Frank Zentrums und nichtjüdischer Herkunft, berichtete von seinem Aufwachsen in der DDR: `In der Schule lernten wir nichts über Schuld und Verstrickung der Menschen vor Ort – dort war nur von Klassenkämpfern für eine glückliche Zukunft die Rede. Damit wurde der Blick auf die eigenen Familiengeschichten verstellt.´ Selbst das Tagebuch der Anne Frank sei in der DDR oft instrumentalisiert worden, etwa, um nachzuweisen, dass die Mörder alle im Westen gelandet wären.

Mit dieser in der DDR propagierten sauberen Trennung in Faschisten in der Bundesrepublik und Antifaschisten in der DDR sei den Menschen dort per se die Möglichkeit erschwert worden, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, meint André Hermlin: „Es wurde ja klar vermittelt: Uns geht das nichts an.“

Schrifsteller Jacob Hein erinnerte sich daran, wie improvisiert das jüdische Leben in der DDR oft war, weil es viele säkulare Juden gab, die gar nicht so recht wussten, was Jüdischsein für sie bedeutet: `Auch hier galt: Wenn man nur die Juden sehen würde, würde man gar nicht glauben, dass diese Menschen irgend etwas gemeinsam hätten, weil sie so verschieden sind – nur in Abgrenzung zu anderen sind sie als Juden gekennzeichnet.´

Hein… erwähnte neben dem staatlichen Antisemitismus der ersten Zeit der DDR auch den Antisemitismus, der Ende der 1970er Jahre als Haltung aufkam, die auch DDR-Feindlichkeit ausdrücken sollte, sich in neonazistischem Hass und Gewalttaten etwa gegen Punks entlud – und dies unter den Augen der Stasi, die nicht eingriff, weil ihnen die freiheitlichen Bestrebungen von links ein noch stärkerer Dorn im Auge war. Andrej Hermlin berichtete in diesem Zusammenhang von einem Gespräch seines Vaters mit Erich Honecker, der zur Thematik gesagt habe: `Was soll ich da machen – das sind alles gute Arbeiter, die erfüllen alle ihre Norm.´

Ein kritisches Thema in der DDR war auch das Verhältnis zu Israel, das mit antisemitischsten Vergleichen als Aggressor gegen Palästina gebrandmarkt wurde. Wie ging es da den Kindern jüdischer Eltern, wollte Shelly Kupferberg wissen.

Historikerin Anette Leo berichtete: `Als Kind jüdischer Kommunisten, die ihre jüdische Identität komplett beiseite gedrückt hatten, um Traumata zu vergessen und dazuzugehören, hatte ich in den sechziger Jahren selbst ein kritisches Verhältnis zu Israel – die Parteinahme für Palästina war einleuchtend, und Israel erschien mir zu undifferenziert und nationalistisch. Später waren wir verblüfft, dass in den Kibbuzen in Israel viel mehr der Kommunismus verwirklicht wurde, den wir gemeint hatten, als in den VEBs der DDR.´

Anetta Kahane berichtete von ihrem Vater, der als Journalist vom Eichmann-Prozess in Israel berichtete: `Einerseits hat er geschwärmt von Israel und das Land bewundert, dass sein Kämpferherz und sein jüdisches Herz im Gleichklang schlagen ließ – andererseits berichtete er vom Prozess so einseitig, wie es von der DDR-Führung gewollt war, dass man sich nur die Haare raufen konnte.´

Nachtrag: Frau Kahane war in der DDR IM und hat die Stasi über ihre Freunde und Bekannte und über Ausländer informiert. Mehr über Frau Kahanes Nachwendekarriere als linke Rechtsabweichlerbekämpferin steht im Blog.

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2 Kommentare zu „Antisemitismus in der DDR

    […] Historiker-Elite an diesem Punkt so still bleibt. Keiner springt Herf bei. Sollte ihnen der Antisemitismus in der DDR unbekannt geblieben […]

    […] ist nicht alles neu und unbekannt. Das eine oder andere wurde schon im Blog genannt. Siehe u. a. hier!) Der Regisseur Konrad Weiß erzählt im Plenum davon, wie schwer ihm das Drehen von Filmen gemacht […]

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