Für ein anderes DDR-Alltagskulturmuseum

Gepostet am Aktualisiert am

Nie käme ich auf die Idee, dass in Deutschland NS-Alltagskulturmuseen fehlten. Die Forderung würde wohl auf erheblichen Widerstand stoßen. Ganz anders ist das bei DDR-Alltagskulturmuseen.

Die werden als Gegenpol zu der bisherigen angeblich stasi-lastigen, die Opferperspektive überbetonenden und von den westdeutschen „Siegern“ geschriebene DDR-Aufarbeitung gesehen. Die Mehrzahl der DDR-Bürgerinnen und -Bürger hätte ja in einem normalen Alltag, in einem Auch-Rechtsstaat gelebt und ihre Lebensleistungen würden nicht entsprechend gewürdigt.

Daher sei es also an der Zeit, die Plaste-Eierbecher, den Röstkaffe, den Volkswagen der DDR und die Frauenzeitschrift Sybille auszustellen. Schließlich hätte die DDR nicht nur aus Stacheldraht, leeren Geschäften, Wachttürmen und schlecht gelaunten Vopos bestanden.

Historiker/innen, die (mehr) Alltagskulturmuseen fordern, beteuern, dass man nicht nur den Rechtsstaat DDR, die Errungenschaften der Zwangskollektivierung und die Vorteile der Konsens- und Partizipationsdiktatur ausstellen, sondern auch Konzessionen an die Opferperspektive machen wolle. Aber der Schwerpunkt liegt selbstverständlich bei den biographischen Leistungen der Bürger, den unpolitischen Nischen, dem „normalen“ Alltag eben.

Jetzt haben mir Ines Geipel und Andreas Petersen, die Herausgeber des Buches „Black Box DDR“ klar gemacht, dass Normalität in der DDR zu finden gar keine leichte Sache ist. Sie erläuterten dieser Tage in Potsdam (In der Landeszentrale für politische Bildung, die – gottseidank – trotz anderslauternder Festlegung im SPD-Wahlprogramm sich nicht nur um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur kümmert:)

Die DDR hatte ca. 16 Mio Einwohner/innen. Ca. 4 Mio waren Heimatvertriebene aus den Gebieten östlich der Oder. Ihre Geschichte war tabu. Es hätte die Bruderregierungen des Ostblocks verletzt, wenn das öffentlich diskutiert worden wäre. Man traf sich heimlich, um sich zu erinnern. Die Flüchtlinge waren auch, wie in Westdeutschland, nicht sonderlich beliebt bei den Einheimischen. Normaler Alltag?

Insgesamt 4,5 Mio sind nach Westen geflüchtet. Die haben , Freundin, Eltern, Kollegen, manchmal auch den Ehepartner zurück gelassen. Sie saßen im Zuchthaus, wurden von ihren Kindern getrennt oder trafen die ausgereisten Kinder heimlich in der Autobahnraststätte. Was war da normaler Alltag?

800.000 Bauern gab es vor der Zwangskollektivierung, 150.000 flohen, 400.000 mussten ihren Hof in die LPG einbringen, viele wurden bedroht, genötigt, zusammengeschlagen, ins Zuchthaus gesperrt, 2oo begingen Selbstmord. Normaler Alltag auf dem Land?

1946 soll es ca. 1 Mio SPD-Mitglieder gegeben haben. Nach der Vereinigung mit der KPD flohen manche nach Westberlin und Westdeutschland, mache wurden eingesperrt, erschossen oder in den sibirischen GULag gebracht. Die SPD hörte auf zu existieren, Einfluss in der SED hatte sie nicht. Normaler Alltag für Hunderttausende ehemaliger Sozialdemokraten.

„Aktion Ungeziefer“ hieß die Vertreibung von Bewohnern im Grenzgebiet zur „faschistischen“ BRD. Das betraf ca. 13.000 Personen. Irgendetwas wird schon dran sein, dachten die „normalen“ DDR-Bürger und misstrauten dem „Ungeziefer“ an ihren neuen Wohnorten und Arbeitsplätzen. Normaler Alltag.

Dann gab es auch noch die drei Millionen Parteigenossen plus Familienmitglieder, darunter auch die 300.000 Kader. Karriere, bessere Versorgung und Wohnungen, Zweitwagen, Telefonanschluss in der Wohnung und in der Datsche, schönerer Urlaub bis hin zum Dreifachen des Durchschnittslohns. Für die Nomenklatura-Oberschicht: Freiflüge zur Wochenenddatsche  in bester Lage. (Nicht mit Schrebergartenhäuschen zu verwechseln!), Hauspersonal, spezielle Restaurants, bessere Krankenhäuser und Läden mit Westwaren zum Einkaufspreis. Normaler Alltag der DDR-Oberschicht.

Die Aufzählung ließe sich verlängern: Es gab tausende von Bausoldaten, inoffiziellen Kriegsdienstverweigerern, die man gerne auf Baustellen und in Betrieben einsetze. Ca. 100 begingen beim Bau des Überseehafens Mukran Selbstmord. (Die 45jährige Geschichte von Prora auf Rügen als NVA- und Bausoldaten-Kaserne erzählt kein Museum. Sie ist „entsorgt“ worden. Die knapp fünfjährige Geschichte der Baustelle des NS-„Seebades“ ist dagegen bestens dokumentiert. die Arbeit des Dokumentationszentrums hat als Schwerpunkt: Antifaschismus, Antirassismus, Nazideutschland. Nachtrag: Es gibt 2014 eine erste kleine Ausstellung zu den Bausoldaten in Prora) Wer in Prora gedient hat, vergaß das in seinem Leben nicht mehr. Normaler Alltag?

Wer in die Jugendwerkhöfe eingeliefert wurde und dort gequält, vergewaltigt und ohne Ausbildung ins Leben entlassen wurde, hat auch draußen keinen normalen Alltag mehr gehabt.

Noch mehr Normalität? Wie wär´s mit den Juden in der DDR? Nicht alle konnten sich bei Honecker beschweren über antisemitische Bemerkungen, wie ein Dirigent, dessen Sohn in der Kaserne Marxwalde mit „Judenschwein“ begrüßt wurde.

Wie war´s mit der Alltagskultur in Pfarrersfamilien? Wenn Lehrer sich lustig machten über die Pfarrerstochter, die sagte, Gott sei überall, und der Lehrer ihn aber im Tank seines Trabis nicht gefunden hatte.

Wie war das mit den über 600.000 IMs? Sie berichteten über das Liebesleben und die Unterwäsche der Kommilitonen (Linkspartei-Fraktionsvorsitzende Kaiser, Brandenburger Landtag; Ihr Freund war ebenfalls Spitzel. ) Es war normaler Alltag für die, die etwas werden wollten.

Wie viele Berichte gibt es, dass man von der eigenen Ehefrau bespitzelt wurde, vom besten Freund, vom Bruder. Dass man sogar die Großmutter verdächtigte. Dass der gute Freund auf dem Campingplatz das Essen kochte und ihn damit im Auftrag des MfS vergiften wollte (Wolfgang Welsch). Wie normal lebt es sich als IM und als dessen Opfer?

So wie zurzeit verbissen über den Rechts- und Unrechtsstaat DDR diskutiert wird und Wissenschaftler solche Begriffe für untauglich erklären, sollte man einmal darüber diskutieren, was „normaler Alltag“ meint und ob dieser Begriff für die SED-Diktatur taugt.

Geipels und Petersen Zahlen wären ein geeigneter Beitrag zu einem  Konzept für sozialistische Alltagskulturmuseen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Für ein anderes DDR-Alltagskulturmuseum

    […] auch: Für ein anderes Alltagskulturmuseum Teilen Sie dies mit:TeilenDruckenFacebookE-MailGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post […]

    […] bedauert: Ich komme zwar mit dem DDR-Webquest nicht weiter, kommentiere aber gelegentlich in diesem Blog den ostdeutschen clash of […]

    […] Aber bei der musealen Erinnerung durch Alltagskulturmuseen siegt noch einmal der Kollektivismus. Es geht nicht um die Dokumentation von individuellen Schicksalen, sondern um das Werk, die LPG, die Feiern, die Aufmärsche. Wenn ich Bücher wie das von Geipel, Peterson, Black Box DDR, über die Schicksale einzelner Menschen lese, finde ich eine Alltagskultur, die nicht ausgestellt wird. (Nachtrag 26.6.10) […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s