Zwangskollektivierung (2): Brandenburger Zustände

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denkmalbauernEs begann harmlos: Der sachsen-anhaltinische Bauernbund suchte einen Standort für ein Denkmal zur Erinnerung an die Zwangskollektivierung vor 50 Jahren. Er wich ins brandenburgische Kyritz aus, da Gemeinden im eigenen Land das Denkmal nicht haben wollten.

Der Brandenburger Landwirtschaftsminister und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag wurden eingeladen. Kamen aber nicht. Statt dessen nahm Udo Folgart, der ehemalige LPG-Chef, jetzt Geschäftsführer der in eine Agrarfirma umgewandelten LPG  und SPD-Landtagsabgeordneter an einer Tagung der Linkspartei zur Würdigung der Zwangskollektivierung, ebenfalls in Kyritz, teil. Zuvor war das bröckelnde Denkmal für die Zwangskollektivierung von der Gemeinde restauriert worden. (Folgart war unter einem Bundeskanzler Steinmeier als Landwirtschaftsminister vorgesehen.)

Organisiert war die Tagung vom Duzfreund des Ministerpräsidenten Platzeck, dem ehemaligen SED-Bezirkssekretär in Potsdam, Vietze (entfernt vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten in einer Demokratie). Vietze war bis vor kurzem Mitglied des brandenburgischen Landtages. Er hatte im Oktober 1989, als es sogar in der SED-Hochburg Potsdam zu Demonstrationen kam, dazu geraten, endlich die Gewehre aus dem Keller zu holen. Heute gilt er als geläuterter Demokrat. Am besten, man hört ihm einmal zu oder liest, was er zu seiner Rolle als radikaler Vergangenheitsbewältiger in seiner Partei sagt.

Die SPD(!) sagt, dass die „Linken“-Veranstaltung zur Zwangskollektivierung in Kyritz stattfand, sei Zufall.

Als Kritik daran laut wurde, dass es die Landesregierung nicht fertig gebracht habe, einen Kranz niederzulegen, reagierten Landesregierung und SPD gereizt: Sie seien nicht eingeladen worden. Der Bauernbund sagt, er habe eingeladen.

Der Vorsitzende der Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Axel Vogel richtete eine Breitseite auf die Regierung. Er hat schon durchgesetzt, dass die Landwirtschaftspolitik nach der „Wende“ ebenfalls in der Enquetekommission untersucht wird. SPD und Linke haben erbittert, aber vergeblich, versucht, das zu verhindern. Jetzt wird allmählich klar, warum.

Axel Vogel: „Unsere Kritik richtet sich gegen die Unfähigkeit der rot-roten Landesregierung, die Zwangskollektivierung historisch angemessen einzuordnen, gebührend an das damals geschehene Unrecht zu erinnern und das Fortwirken der Ergebnisse der sozialistischen Kollektivierungspolitik in der heutigen Landwirtschaftsstruktur anzuerkennen.

… Als dem DDR-Regime klar wurde, dass es für die „sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft“ keine Mehrheit in der Landbevölkerung finden würde, setzte es diese mit unerbittlichem Zwang und Härte durch. …

Dies zu benennen bedeutet nicht, die heutigen Eigentumsverhältnisse in Frage zu stellen. Ein Irrtum ist es aber anzunehmen, die großen Nachfolgebetriebe hätten höhere Beschäftigungseffekte als eine bäuerlich strukturierte Landwirtschaft. Hieraus sind Rückschlüsse für die zukünftige Landwirtschaftspolitik Brandenburgs zu ziehen.

Außerdem muss die Frage beantwortet werden, wie früher entstandenes Unrecht zumindest teilweise wieder gut gemacht werden kann.“

Vogel erinnert daran, dass nach der „Wende“ zahlreiche LPG-Vorsitzende ihren Betrieb als GmbH-Geschäftsführer übernommen hätten und mit mehr Technik und weniger Personal weiter gemacht hätten. Die Großbetriebe seien bevorzugt worden, kleinere und mittlere Einzelbauern „ausgebremst“ worden. Das wurde selbst einigen FDP- und CDU-Oppositionskollegen zuviel. In diesen Parteien gibt es Politiker mit Blockpartei- und SED-Vergangenheit.

Bei der Linkspartei gibt es durchaus Stimmen, die sagen, dass damals viel Unrecht geschehen sei, was man bedaure. Andererseits hätte man damit die Grundlage geschaffen für die heutigen modernen, leistungsfähigen Großbetriebe. Monostruktur, „Kartoffeln bis zum Horizont“ und immer noch wachsende Massentierhaltung, sagt Vogel dazu.

Bei Ministerpräsident Platzeck liegen die Nerven blank: „Gaga“ findet er die Diskussion um die Zwangskollektivierung. Das Desinteresse der SPD passt zur bisherigen Politik:

  • Keine Erwähnung der DDR-Aufarbeitung im Wahlprogramm
  • Koalition mit der davon überraschten Linkspartei. (Man erinnert sich an das Bild, auf dem die Linken-Fraktionsvorsitzende Kaiser sich widerstrebend von Platzeck umarmen lässt)
  • seine Parole von der notwendigen Versöhnung mit den Tätern, da ein Riss durch die ostdeutsche Gesellschaft ginge
  • die Unterstellung, die Westdeutschen hätten sich mit den Nazis ausgesöhnt
  • die überraschende Behauptung, er hätte die Einrichtung einer Beauftragten für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur „angeregt“ (Chefsache war es wohl nicht, denn es dauerte sieben Jahre. Sich einer Sache zu rühmen, die es anderswo seit 20 Jahren gibt, ist auch bemerkenswert)
  • die Bekämpfung der Enquetekommission

Platzeck weiß, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichts von Aufarbeitung wissen will, ein geschöntes DDR-Bild hat und auch hinter der brandenburgischen Landwirtschaftspolitik der Förderung des Agrarkartells der Nachfolger der SED-Großfarmen steht.

Die Abwehr der Kritik folgt dem bekannten Muster: Wer sich kritisch mit der SED-Diktatur auseinandersetzt , beschädige DDR-Biographien, entwerte die Lebensleistung von DDR-Menschen. Das ist eine beliebte Behauptung bei linken und SPD-Politikern und zu ihrem Spektrum gehörenden Historikern.

Der SPD-Kolchosen-Lobbyist Udo Folgart folgt dem bewährten Muster: Wer die Zwangskollektivierung und die weiter bestehenden Riesenbetriebe kritisch betrachte, beleidige die Landbevölkerung.

Bemerkenswert finde ich, dass die Zwangskollektivierung als Grundstein für die heutige moderne Landwirtschaft gesehen wird. Merkwürdig, dass Sozialisten und Postkommunisten auf einmal unhistorisch denken. Warum wurden dann die riesigen Rittergüter der adligen Junker zerschlagen? Hätte man es nicht gleich bei den Rittergütern belassen können?

Ein paar Jahre bekamen kleine und kleinste Bauern Felder der enteigneten Junker. Das war die sogenannte Bodenreform. Die Junker wurden in den GULag geschickt oder starben in den von den Sowjets weiter geführten Lagern der Nationalsozialisten an Hunger und Krankheiten. Dann nahm man den Bauern die Äcker wieder ab und zwang sie in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.

Den Mindestlohn und die Menschenrechte hätten die Freiherrn inzwischen wohl eingeführt. Es wäre Tausenden die Flucht, Hunderten der Selbstmord, Hunderttausenden Angst und Leid erspart worden. (Bei der Zwangskollektivierung Stalins in Russland und Maos in China mussten Millionen Menschen sterben.)

Es ist wie oft im Kommunismus: Nach Jahren, gar Generationen andauernder Umwälzungen, in denen auch millionenfacher Mord gerechtfertigt wird, landet man wieder da, wo eine bürgerliche, parlamentarische, evolutionäre Gesellschaft schon längst ist. Gorbatschow ist Zeuge!

Das ist ein Thema für eine Fallanalyse: Kommunismus als Ideologie, DDR-Geschichte, Aufarbeitung nach der „Wende“, kontroverse Akteure: In dem Thema ist alles enthalten!

Ergänzung 8.5.10:

Die Sache erledigt sich nach Art des Brandenburger Weges: Platzeck beteuert, dass er an der Spitze der DDR-Aufklärer stehe. Aber man müsse in die Zukunft schauen und könne nicht dauernd Vergangenheit bewältigen. Die Opposition bedankt sich für die klaren Worte. Die beiden Potsdamer Zeitungen watschen den grünen Oppositionsführer ab, der sich verrannt hätte. In den Zeitungen gibt es die ersten Leserbriefe über das gute Leben und die Wohltaten in der LPG.

Nachtrag 15.5.10:

Wie sehr die Debatte um die Erinnerung an die Zwangskollektivierung den Nerv getroffen hat, sieht man in diesen Tagen.

Ministerpräsident Platzeck fordert erneut, nach vorne zu schauen und plädiert für einen Schlussstrich. Er wollte auch schon eine Untersuchung der Brandenburger Agrarpolitik nach der „Wende“ verhindern.

Auf einer Versammlung des Landesbauernverbandes, in dem die LPG-Nachfolger organisiert sind, ließ man den CDU-Oppositionsführer nicht reden und kritisierte den Grünen-Chef, der die Brandenburger Bauern beleidigt hätte, als er in den LPG-Nachfolgebetrieben leninistische Denkweisen überleben sah.

Update 26.05.10: Was Zeitungsleser erst jetzt erfahren: In der Immobiliengesellschaft der Landesregierung, die auch umstrittene Bodenreform-Grundstücke verwaltet, waren mindestens zwei MfS-Offiziere tätig. (In der „demokratischen“ Bodenreform der sowjetischen Besatzungszone wurden die adligen Gutsbesitzer enteignet, vertrieben oder in Lager eingesperrt. Ihr Grundbesitz wurde in „Volkseigene Güter“ überführt oder an Kleinbauern verteilt. Die mussten bald darauf „freiwillig“ ihr Land an die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften abgeben.)

Wie die Alt-Genossen den reibungslosen Übergang der DDR-Kolchosen in die neue Zeit organisierten und das Vermögens des SED-Vereins „Gegenseitige Bauernhilfe“ für ihren neuen großagrarischen Interessenverband sicherten, dokumentiert Christian Booß.

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3 Kommentare zu „Zwangskollektivierung (2): Brandenburger Zustände

    […] Weitere Beiträge u. a. hier: Zwangskollektivierung (1)   und hier: Zwangskollektivierung (2) […]

    […] Zur unterbliebenen LPG-Abwicklung siehe im Blog auch hier und hier! […]

    […] auch hier und hier im […]

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