Die Mythen der „Wende“

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Es gibt unausrottbare Mythen über die DDR. Sie nehmen sogar an Bedeutung zu und bestimmen das Bild von der DDR, das sich die Nachwelt macht. Sie sind in der Handreichung zur Medienkiste „Ampelmännchen“ genannt.

Es ist wie mit strittigen Gerichtsurteilen: Keiner hat gelesen, was die Richter sagen, aber alle schimpfen auf das Urteil. Meine 13jährigen marokkanischen Halbstarken belehrten mich gern: „Das können Sie nicht verstehen. Das ist unsere Kultur. Das steht so im Koran.“ Wenn ich sie fragte, ob sie´s selbst gelesen hätten und es mir zeigen könnten, herrschte grinsendes Schweigen.

So könnte man es bei den Mythen auch machen: Mal genau hinsehen, bevor man das Gesundheitswesen, das Schulwesen, das Leseland, die Emanzipation der Frauen, verklärt. Am schlimmsten ist es m. E. im wirtschaftspolitischen Bereich. Das Thema „Planwirtschaft“ spielt nur eine untergeordnete Rolle in den Lehrplänen, in derAufarbeitungsliteratur, in den Medien.

Auch bei den westdeutschen Gutmenschen ist die wesentliche Ursache der DDR-Misere, dass sie schlechte Startbedingungen hatte: Die Demontage durch die Russen. Andere Faktoren finden allenfalls in Fußnoten Platz.

40 Jahre Planwirtschaft mit ihren falschen Weichenstellungen: Kein Thema. Im Gegenteil, dass eine Kommandowirtschaft zu Spitzenleistungen fähig ist, wird noch gelobt: Die DDR baute Flugzeuge, Mikrochips (500x so teuer wie auf dem Weltmarkt) und Spiegelreflexkameras. Das erinnert an den afrikanischen Potentaten, der in der Savanne den Petersdom nachbauen ließ.

Es gibt m. E. nur wenig für Laien verständliche Literatur dazu:

  • Am besten und kürzesten: Ilko-Sascha Kowalczuk, Die 101 wichtigsten Fragen. DDR. Es schmälert das Verdienst des Autors nicht, wenn man feststellt, dass es der Zettelkasten von Endspiel ist.
  • André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR. Es ist noch keine erschöpfende Darstellung, aber für interessierte Laien wie mich eine brauchbare Lektüre.

(Beide sind in der Ampelmännchen-Kiste)

  • Mit Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit, bin ich schon beim Thema der Überschrift. Paqué, Wirtschaftsprofessor und mehrere Jahre Finanzminister in Sachsen-Anhalt, setzt sich auch mit der wirtschaftlichen Ausgangslage der DDR auseinander. Da bleibt es nicht bei der Demontage durch die Sowjetunion. Sein Schwerpunkt ist aber, wie der Titel schon sagt, die ökonomische Bilanz der Vereinigung. Man traut sich nicht, es laut zu sagen: Paqué belegt, dass die Treuhand im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht gearbeitet habe. Er spielt verschiedene Modelle des wirtschaftlichen Einigungsprozesses durch. Sehr viel klarer und plausibler als das Gerede von den Wessis als Plattmacher und Sieger, von der verlängerten Werkbank westlicher Konzerne. Man könnte durch die Lektüre sogar auf die Idee kommen, dass 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft – ohne Preisbildung am Markt, ohne Innovationsdruck, mit Ressourcenverschleuderung, ohne Vernetzung in der Weltwirtschaft – die Biographien leistungsbereiter, gut ausgebildeter DDR-Bürger/innen mehr beschädigt hat als die Treuhand. Paqué  sieht eine Dolchstoßlegende, die von Ewiggestrigen und Marxisten wie Daniela Dahn propagiert wird: Dass die Treuhand und Kapitalisten der BRD die blühende Wirtschaft der DDR zu Fall gebracht hätten.
  • Ungeeignet: Thomas Großbölting (Hrsg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin: Verlag Chr. Links, 2009

Ran ans Thema, ihr Zeithistoriker/-innen. Lasst die Arbeit an noch mehr DDR-Alltagskulturmuseen ruhen, unterbrecht die Zeitzeugeninterviews darüber, was gut im Sozialismus war. Sorgt dafür, dass nicht länger pro und contra DDR , Rechts- oder Unrechtsstaat und beleidigten ostdeutschen Biographien schwadroniert wird!

Gebt uns Handfestes, damit wir die Regisseurinnen, Kabarettisten und Pfarrer auslachen können, die das Experiment DDR, auf dem Ruhekissen von bisher 1600 Milliarden € Aufräumkosten, wiederholen möchten.

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5 Kommentare zu „Die Mythen der „Wende“

    […] Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog. Nach der Lektüre wird man […]

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    […] Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog. Nach der Lektüre wird man […]

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    […] nur noch die verlängerte Werkbank des Westens wäre. Dabei vergisst er, was Wirtschaftsprofessor Paqué von der Universität Magdeburg und ehem. Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, […]

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    […] kommentiere aber gelegentlich in diesem Blog den ostdeutschen clash of civilizations, z. B. die Mythenpflege in Wissenschaft und […]

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    […] Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog „Ampelmännchen und […]

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